Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.06.09, Andreas Duderstedt

Engel

Mögen Sie Engel? Sie sind in Mode gekommen, die Lichtgestalten, als kleine Holzfiguren oder aus edlem Metall, mal kitschig, mal geschmackvoll. Engel sind beliebt.

Es gibt Menschen, denen genügen sie. An Gott glaube ich nicht, ich habe ja meinen Schutzengel, sagen manche. Gott – irgendwie weit weg, schwer zu fassen. Engel sind da handlicher, so scheint es. Näher.

Es gibt ein großes Bedürfnis nach solchen Wesen, die irgendwie menschlich sind, aber doch über der Erde schweben. Und übernatürliche Kräfte haben. Eindrucksvolle Berichte wissen von wunderbaren Rettungen: Ein Mann, der auf die Straßenbahnschienen zugeht, fühlt sich plötzlich hart an den Schultern gepackt und zurückgerissen – in diesem Moment kommt die Straßenbahn, die ihn überfahren hätte, wenn nicht... Ja, wenn ihn nicht ein Engel davor bewahrt hätte. Niemand ist zu sehen, aber die Schultern tun dem Mann noch lange weh. Sogar blaue Flecken zeugen von dem unglaublichen Ereignis.

Gott bedient sich überraschender Mittel. Engel sind eine Möglichkeit. Davon weiß die Bibel ganz Unterschiedliches zu erzählen. Gleich zu Beginn bewachen Cherubim mit flammendem, blitzendem Schwert den Eingang des Paradieses. Das sind Furcht einflößende Engel, gewalttätig und machtvoll. Einen Engel als freundlichen, erfahrenen Reisebegleiter bekommt dagegen der junge Tobias an seine Seite. Und Gottes Engel rettet Daniel in der Löwengrube vor den hungrigen Bestien.

Gott schickt seine Engel, um Großes anzukündigen: Er selber wird Mensch – das ist das eigentlich Unbegreifliche. Alle Engel, die hier eine Rolle spielen, stehen im Dienst dieses Wunders. „Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht“, dichtete Jochen Klepper. Engel sind Gott untergeordnet. Und dabei ist Jesus, der Mensch, so ungleich schwächer, machtloser und verletzlicher als alle Engel. Sie bleiben uns Menschen fern – trotz aller scheinbaren Nähe. Sie führen ihren Auftrag aus, machtvoll, unüberwindlich. Jesus ist nicht unüberwindlich. Er ist uns so nahe wie nur irgendein Mensch sein kann. Und er stirbt den schlimmsten Tod und leidet, wie nur irgendein Mensch leiden kann. Gott ist ein leibhaftiger Mensch geworden, mit Haut und Haar. Und hat erlebt, was Menschen erleben – das Schöne, aber auch das Schreckliche. Von keinem Engel wird erzählt, der in Blut und Schweiß, Spott und Hohn eine jämmerliche Figur abgibt. Der sich am Ende sogar von Gott verlassen fühlt – wie Jesus am Kreuz und wie unzählige Menschen, die am Ende sind. Einen überzeugenderen Trost gibt es für mich nicht als den: Gott leidet jetzt mit dir. Und gibt dir Kraft, so wie er Jesus Kraft gegeben hat. Eine stärkere, nähere Verbindung zu Gott kann ich mir nicht vorstellen. Dazwischen brauche ich eigentlich keine Engel.

Und wenn Gott mir doch einen schickt? In Gefahr, so wie Daniel in der Löwengrube, oder unterwegs in unbekanntem Gelände, wie Tobias? Dann ist das wunderbar. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Tag.

Audiobeitrag Engel


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