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Feuer und Flamme - Leben mit Begeisterung
Sprecher: Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Heckenübten ein fröhliches Lied
die neuermunterten Vögel; Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen, festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde. (Johann Wolfgang von Goethe)
Autorin: Begeisterung über einen lieblichen Pfingsttag atmen diese Gedichtzeilen auch noch Jahre nach seiner Entstehung. Frohe Pfingsten, liebe Hörerin und Hörer, mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich bin Pfarrerin auf dem Jugendhof Vlotho, dem Bildungszentrum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Das Wort Begeisterung bedeutet: beleben, mit Geist erfüllen. Menschen, die sich begeistern können, lassen sich ergreifen - von einem Wort, von einem Blick, von einer Landschaft, von einer Begegnung.
Die biblische Pfingstgeschichte ist eine Geschichte von Ergriffenwerden und Begeisterung von Menschen, die ihre Lebensaufgabe gefunden haben, die Feuer und Flamme sind für das, was sie tun. Menschen, die dies in sich brennen haben, gelingt es auch andere zu begeistern. Eine von ihnen ist Tanja Krüger. Sie ist Schauspielerin, Feuer und Flamme für Theater.
O-Ton: Ich kann mir nichts anderes vorstellen, ich möchte nichts anderes machen, ich möchte das auch noch ziemlich lange, weil ich glaube, das im Theater pensioniert werden, das ist auch eine schwierige Sache. Solange es eben geht, möchte ich bloß nicht aufhören damit, weil es ein Teil von mir ist.
Autorin: Zur Zeit arbeitet Tanja Krüger in der Theaterwerkstatt in Bethel, steht selbst auf der Bühne und erarbeitet Stücke.. Theater vom Volk für das Volk so definiert das der Leiter der Theaterwerkstatt. Behinderte und nicht behinderte Menschen, Kinder, Berufsschauspieler und Senioren alle spielen zusammen Theater und jeder lernt von jedem. Tanja Krüger steht hinter dem Vorhang und gibt von ihrer Begeisterung und Erfahrung an die weiter.
O-Ton: Das ist, glaube ich, schon fast eine Lebensphilosophie, denn ich glaube: anders kann man das gar nicht durchhalten. Das bringt ja mit sich, dass man von morgens sechs bis Mitternacht in einem dunklen Raum ohne Fenster gefangen ist, und ich glaube, es braucht schon ein gewisses Maß an Überzeugung von dem, was man da tut, um das auch durchhalten zu können und zwar so, dass man das auch lange machen kann. Für mich persönlich ist das, um das zusammenzufassen, ein Beruf, der sogar meinem Leben Sinn verleiht.
Autorin: Probieren und überprüfen: Was will ich darstellen und was kommt beim Zuschauer an? Strenge Disziplin und sorgfältige Vorbereitung bedarf es, um ein Stück lebendig auf der Bühne entstehen zu lassen. Und dennoch ist es der Moment des Unverfügbaren, der Tanja Krüger fasziniert.
O-Ton: Man macht nie immer wieder die gleiche Sache und es ist jedesmal neu mit der Gruppe, die man hat, muss man völlig neu anfangen und ist am Ende überrascht, was dabei rauskommt Ich glaube, dass ist dieser stetige Sprung ins kalte Wasser, der einem zunächst unglaublich Angst macht, aber von welchem man dann feststellt, dass man ihn irgendwie auch immer wieder braucht.
Autorin: Tanja Krüger neben mir hat sich in Begeisterung geredet, ihre Haut ist leicht gerötet, ihre Augen leuchten. Sie wird von Satz zu Satz lebendiger Feuer und Flamme eben, und das ist ansteckend wie ein Funke, der überspringt.
O-Ton: Für mich ist das dieser fragwürdige Moment: Was passiert mit mir jetzt gleich auf der Bühne?, der es mich immer wieder tun lässt und auf die Bühne gehen lässt und diese Ungewissheit: also in genau diesem Moment wird Theater für mich wieder zum Mysterium. Und das mir das immer wieder passiert, ist schon eine ganz große Sache.
Autorin: Hier mischen sich Freude und Angst, Faszination und Ungewissheit, Staunen, Verwunderung, Furcht und Ehrfurcht.
O-Ton: Und das ist manchmal schon sehr merkwürdig, das hat auch so Momente, da man mit seiner ersten Szene zum Beispiel fertig ist, geht nach hinten und denkt: Was war das denn gerade? Was ist mir denn da passiert? Also das hatte ich ja noch nie! Aber genau das ist für mich auch das Faszinierende, das Ergriffensein von etwas, das ist jedesmal eine völlig neue Erfahrung.
Musikeinspielung
Autorin: Die Pfingstgeschichte in der Bibel erzählt von dem Ergriffenwerden der Jünger Jesu. Von den Männern meist armen Fischern, die Jesus damals um sich versammelt hatte. Menschenfischer sollten sie werden, hatte er gesagt, mit ihm umherziehen und von Gott und seiner Liebe erzählen. Das hatte sie ergriffen. Das war eine Lebensaufgabe. Dafür hatten sie alles aufgegeben. Und das war eine gute Zeit gewesen. Sie hatten miterleben dürfen, wie Jesus Menschen geheilt und ihr Leben vom Kopf auf die Füße gestellt hatte.
Bis das Passahfest kam, jener Tag, den wir heute Karfreitag nennen. Da ist ihr Traum von einer besseren Welt zerplatzt. Jesus wurde in bestialischer Weise hingerichtet am Kreuz. Angst war fortan ihr Begleiter. Was würde mit ihnen geschehen, wo man ihren Meister so brutal getötet hatte. Die meisten waren zunächst geflohen, aber schon bald nach Jerusalem zurückgekehrt. Die Erzählungen der Frauen, die Ostern zum Grab gegangen waren, um den Leichnam zu salben, das Grab aber leer gefunden haben, hatten sie eher noch mehr erschreckt als beruhigt.
Sprecher: Lukas berichtet, dass der auferstandene Jesus zunächst einzelnen Jüngern erschienen sei auf dem Weg nach Emmaus, später allen in Jerusalem. Sie waren fortan alle zusammen mit den Frauen und der Mutter Jesu. 40 Tage nach Ostern berichtet Lukas, wie sie Zeugen werden, wie Jesus gen Himmel gefahren ist.
Autorin: Ich stelle mir vor, dass das ein ziemlich zwiespältiges Gefühl gewesen sein muss: den Schock der Hinrichtung noch im Nacken, sich zu freuen darüber, dass damit nicht alles vorbei ist; noch beschäftigt mit der Frage, wie das sein kann, dass jemand aufersteht, sich erneut trennen zu müssen, in dem Jesus auf dem Ölberg von ihnen weg gen Himmel fährt. Völlig unklar, was aus ihnen werden soll, wie sie das zerrissene Netz ihres Lebens wieder aufnehmen sollen. Da ist es kein Wunder, dass die Jünger sich zurückziehen, dass sie alle stets beisammen sind - da, wo Menschen sind, die diese Erfahrung teilen, die sonst ohnehin keiner versteht. Dass man das mitteilen könnte, was ihnen geschehen ist, dass man damit auch noch verstanden werden könnte, ist unvorstellbar.
Sprecher: Pfingsten, 50 Tage nach dem Osterfest, als die Juden in Jerusalem ihr Erntedank feiern wird plötzlich alles anders. Lukas erzählt, dass ein Brausen vom Himmel kam und das Haus erfüllte. Dass aus Betroffenheit und Resignation neuer Mut erweckt werden kann, wird wie eine Naturgewalt erlebt: frischer Wind in einer festgefahrenen Situation.
Autorin: Endlich kommt etwas in Bewegung. Zungen wie von Feuer sollen erschienen sein über jedem von ihnen. Plötzlich ist alles klar und eindeutig. Die Zweifel wie weggeblasen. Sie wissen, was zu tun ist. Was ihre Aufgabe ist. Entflammt gehen sie nach draußen und fangen an zu predigen.
Sprecher: Sie reden von dem, was sie erlebt haben: von dem, was ihr Leben in den letzten Jahren ausgemacht hat und sie bewegt und begeistert hat. Und die Menschen um sie herum: die hören sie in ihren eigenen Sprachen von den großen Taten Gottes reden. Und das, obwohl Jerusalem zu Festzeiten vollgestopft ist mit Juden aller Nationen und Sprachen.
Autorin: Das ist schon ein Wunder: wenn ich von mir und meiner Begeisterung rede, von dem, was in mir brennt, wenn ich ganz bei mir bin und in meiner Sprache, dann kann ich andere entzünden, kann auch verstanden werden von Menschen mit anderen Erfahrungen und Sprachen. Das erschreckt die, die es erleben, und die, die es von außen betrachten, spotten: Sie sind voll von süßem Wein.
Musikeinspielung
Autorin: Begeisterung hat aber auch eine andere Seite neben der positiven Energie. Betrunken urteilen damals die Beobachter von außen, was so viel heißt wie: nicht gut orientiert, benebelt, nicht Herr ihrer selbst.
Peter Ausländer, seit über 30 Jahren Kulturpädagoge auf dem Jugendhof Vlotho, ist begeistert von Musik und Sprache, davon wie der Ton die Musik macht und Stimme die Stimmung. Er ist fasziniert von den Zufällen des Klangs: wie etwas aus dem Regal fällt und man merkt: es ist ein Stück. Und er ist begeistert von dem, was möglich wird, wenn man sich aufeinander einlässt und zusammenspielt in der Improvisation und im Chorgesang. Allein das Erlebnis, gemeinsam auf denselben Ton zu kommen, ist für ihn etwas ganz besonderes. Aber weil er es von selbst so gut kennt, warnt er auch vor der dunkeln Seite der Begeisterung.
O-Ton: Das hängt mit dem Ort zusammen, denn diese Bildungsstätte ist 1936 entstanden als ein Heim für die Jugend Adolf Hitlers, so wie es in dem Balken eingeschnitzt war über dem Deelentor, und dass die Großväter unserer Teilnehmer und Teilnehmerinnen ab und zu in die Kurse kamen und sagten: Wenn ihr hier um den Kamin sitzt und eure Lieder singt, ist das eigentlich genau so wie bei uns früher, das macht einen natürlich sehr nachdenklich.
Autorin: Peter Ausländer, der auch eine Zeit lang das Archiv der Jugendmusikbewegung ehrenamtlich betreut hat, erzählt von den verschiedenen Wandervogelvereinen. Auf diese Bünde ging vor dem zweiten Weltkrieg die Jugendmusikbewegung zurück. Sie haben auch so begeistert gesungen und sie haben sich sozusagen singend einvernehmen lassen in die Organisationsstrukturen der Hitlerjugend. Daraus zieht Peter Ausländer für sich den Schluss:
O-Ton: Ja, wenn wir begeistert sind und mit Begeisterung Gemeinschaft pflegen, dass wir doch gehörig aufpassen müssen und jetzt nicht die Augen verschließen dürfen in unserer Begeisterung, und in Gefühlsduselei verfallen dürfen, sondern sehen müssen: Wo geht diese Kraft, die in der Begeisterung liegt, hin. Es gibt ja noch ein anderes Wort für Begeisterung, das man sagt, oder ähnliche Begriffe, die man formuliert Das hat mich mitgerissen, und dieses Mitreißen ist schon ein Problem, wenn man sich mitreißen lässt, wenn man sich nicht vorher vergewissert: Wo geht das Ganze Ding hin.
Autorin: In der Pfingstgeschichte steht Petrus für diese Vergewisserung und diese Wachheit. Er ist es, der das berauschende Erlebnis der Jünger von Entflammt sein und Begeisterung kritisch prüft, der klärt, in welche Richtung diese Begeisterung geht. Petrus verweist auf die Verheißung des Propheten Joel, der von dem Versprechen Gottes berichtet, seinen Geist auszugießen über Frauen und Männer, Junge und Alte. Damit wird zum Kriterium, welcher Geist begeistert, ob es der Geist des menschenfreundlichen Gottes ist, der Geist der Liebe und des Lebens, der uns beseelt.
Ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Hörerin und Hörer, mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich wohne in Bielefeld.
Feuer und Flamme - Leben mit Begeisterung
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