Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.06.09, Pfarrer Wolf-Dieter Steinmann

Raus aus der Schonhaltung

Angst vor Schmerzen führt leicht in eine Schonhaltung. Ein Bekannter hat eine gestauchte Bandscheibe. Wenn er etwas gehoben hat, hat er es heftig im Rücken gespürt.

Mit der Zeit hat er gelernt, den Schmerz zu meiden. Durch Schonung. Wo er ging und stand, hat er den Rücken entlastet. Nichts mehr gehoben. Sich beim Sitzen hängen lassen. Inzwischen sind die Rückenmuskeln geschwächt, dafür schmerzt die Hüfte, Muskeln und Sehnen tun weh, weil er sie einseitig belastet hat, immer an den Rückenschmerzen vorbei. Angst vor Schmerzen führt zu Schonhaltung. Aber Schonhaltung auf Dauer, schadet eben auch - woanders halt.

Der eine umgeht körperliche Schmerzen, die andere seelische. Aber dabei riskiert man, dass mit der Schonung an einer Stelle, eine Kettenreaktion woanders ausgelöst wird.

Vielleicht ist es besser, sich Schmerzen dort zu stellen, wo sie entstehen. Wenn möglich, aktiv dagegen anzugehen, statt ihnen auszuweichen.

In der Bibel gibt es eine Person, die ist so etwas wie das Urahn für alle, die es im Leben mit Schonhaltung probieren: Jakob weicht nicht körperlichen oder seelischen Schmerzen aus, er umgeht die Schmerzen, die ihm sein Gewissen macht. Eine besonders weit verbreitete Art von Schonhaltung. Jakob hat seinen Bruder um das Erbe betrogen und sich dann sogar ins Ausland abgesetzt, damit er die Geschichte mit seinem Bruder nicht klären muss. Er will der Konfrontation mit seinem Bruder und der Wahrheit aus dem Weg gehen. Nach langen Jahren kommt der Moment, da geht es für Jakob nicht mehr weiter in der Schonhaltung. Er spürt, ich muss zurück, mich meiner Vergangenheit stellen und will meinem Bruder wieder unter die Augen treten können. Ihn um Versöhnung bitten.

In der Nacht, bevor die beiden aufeinander treffen – so erzählt die Bibel - muss Jakob einen schweren Kampf ausfechten. Es ist ja nicht leicht, sich den Ursachen eines Schmerzes zu stellen. Es stellt sich ihm einer in den Weg, wer genau, das lässt die Bibel ein wenig im Dunkel: Eine Gestalt, vielleicht ein Engel, vielleicht sogar Gott? Klar ist jedenfalls, Jakob schont sich nicht mehr. Er nimmt den Kampf an, stellt sich seinem Gewissen. Und besteht ihn. Dass Jakob sich gestellt hat, daraus fließt ihm neue Kraft zu. Dass er den Kampf gegen seine Schonhaltung aufgenommen hat, das wird ihm zum Segen, das heißt, daraus gewinnt er neue Kräfte für sein weiteres Leben. Allerdings geht dieser Kampf nicht spurlos an ihm vorbei. Fortan hinkt er. Aber am Tag darauf kommt es zur Versöhnung zwischen Jakob und seinem Bruder.

Diese Geschichte macht Mut, finde ich und gibt einen Ansporn: Vielleicht liegt auch für Sie und mich Segen darauf wenn wir unsere Schonhaltung aufgeben, uns den Ursachen stellen, die unsere Schmerzen hervorrufen, egal ob sie von unserem Körper, von der Seele oder von unserem Gewissen verursacht sind. Die Geschichte von Jakob weist darauf hin: Es bringt mich weiter, den Kampf mit den Ursachen meiner Schmerzen anzugehen. Er kostet Kraft und vielleicht hinterlässt es auch Verwundungen wie bei Jakob. Aber er kann einen weiter bringen im Leben und alte Wunden heilen.

Audiobeitrag Raus aus der Schonhaltung


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