Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.06.09, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Erinnerung

Der 2. Juni ist für mich so etwas wie ein privater Gedenktag, und ganz besonders in diesem Jahr. Mein Vater hätte heute seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert.

Hätte – wenn er nicht schon vor dreiundzwanzig Jahren im Alter von bloß 57 gestorben wäre. Zwei Herzinfarkte schnell hintereinander, und das noch im Urlaub beim Wandern, weitab von jeder ärztlichen Versorgung. Keine Chance.

Wenn die Erinnerung daran mir heute besonders nahe geht, dann fällt mir auf, dass sie sich ganz automatisch am Geburtstag meines Vaters einstellt. Über sein genaues Todesdatum hingegen müsste ich gründlich nachdenken. Es ist mir einfach nicht präsent.

Vielleicht könnte das irgendein schlauer Psychologe als Verdrängung oder so was Ähnliches erklären. Vielleicht auch nicht. Ich selbst verstehe es so, dass mir die Erinnerung an meinen lebenden Vater wesentlich wichtiger ist als die an seine Todesumstände. Er ging zum Schluss, wie ich, einem Schreibtischjob nach, sein Bild hängt in meinem Büro, und ich vergesse zu keinem Zeitpunkt, dass er sich aus ganz kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat – Voraussetzung dafür, dass ich viel bessere Startbedingungen hatte als er selbst. Er war, wie ich, ein großer Redner und konnte sein Gegenüber an die Wand argumentieren – eine mächtige, aber auch eine gefährliche Begabung, mit der ich vorsichtig umzugehen versuche. Er hatte das, was man Mut vor Fürstenthronen nennt, und ergriff, wenn er Unrecht witterte, auch dann Partei, wenn das nicht ganz ungefährlich war – eine Eigenschaft, die ich vorbildhaft finde.

„Lass die Toten ihre Toten begraben“, hat Jesus einmal im Gespräch zu einem gesagt, „du aber geh hin und verkünde das Reich Gottes.“ In Predigten kann man manchmal hören, das sei eine sehr harte Aussage. Sie klingt, als seien die Toten egal. Aber so ist das nicht gemeint. Die Erinnerung an die Toten ist deshalb wichtig, weil sie Erinnerung an Menschen ist, die einmal gelebt haben. Erinnerung an vergangenes Leben, das in mancherlei Hinsicht heute von Bedeutung ist. Ich bin ja auch nicht aus dem luftleeren Raum in meine gegenwärtigen Lebensumstände geplumpst. Da waren welche vor mir, die mich, als sie noch lebten, geprägt, korrigiert oder vielleicht auch abgeschreckt haben. Erinnerung wird Vergegenwärtigung.

Genau darum geht es auch Pfingsten. Dem christlichen Fest, wo vom Geist Gottes die Rede ist, der, wie die Bibel es ausdrückt, lebendig macht. Auch hier erinnern wir uns, um uns zu vergegenwärtigen, in wessen Geist wir leben und handeln. Für uns Christen geht es dabei immer um die Frage, wie wir in der Kraft dieses Geistes sehr konkret und ganz praktisch zu gelingendem, sinnvollem Leben beitragen können - und damit zum Reich Gottes. Denn Gott hat es mit dem Leben zu tun. In dieser Überzeugung werden uns auch die Toten nicht verloren gehen.

Audiobeitrag Erinnerung


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