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Bis hierher hat mich Gott gebracht (EG 329)
Autorin: Ein wenig aufgeregt sind sie schon: Frau Schneider drückt den Blumenstrauß ein bisschen zu fest an sich, Herr Schneider rückt nervös seine Krawatte zurecht.
Als der letzte Glockenton verklingt, schreiten sie zur Orgelmusik durch den Mittelgang der Kirche nach vorne. Dort stehen die beiden festlich geschmückten Stühle für sie bereit. Vor fünfzig Jahren sind sie schon einmal diesen Weg geschritten. Heute feiern sie ihre Goldene Hochzeit und beginnen diesen Jubeltag mit einem festlichen Gottesdienst. Die Jubelbraut hat sich einen Choral gewünscht, der ihr seit Kindertagen vertraut ist:
Choral (1. Strophe): Bis hierher hat mich Gott gebracht/ durch seine große Güte / bis hierher hat er Tag und Nacht/ bewahrt Herz und Gemüte, / bis hierher hat er mich geleit/ bis hierher hat er mich erfreut,/ bis hierher mir geholfen.
Autorin: Dieses Lied passt gut, wenn ein Lebensabschnitt vollendet ist und etwas Neues beginnt. Auch zu gemeindlichen Anlässen wird das Lied oft gesungen: zur Verabschiedung eines langjährigen Pfarrers in den Ruhestand, beim Jubiläumsgottesdienst der Frauenhilfe, manchmal auch zu einer Beerdigung.
Bis hierher hat uns Gott gebracht. Dieser Titel hat einen biblischen Bezug und erinnert an eine Grenzziehung zwischen zwei Orten. Die Dichterin des Liedes, Ämilie Juliane Gräfin zu Schwarzburg-Rudolstadt, war eine bibelfeste Frau. In ihrem Lied markiert dieser Vers allerdings keine räumliche Grenze, sondern einen Zeitabschnitt. Das Lied soll mittwochs nach der Mahlzeit gesungen werden.
Choral: (1. Strophe) Bis hierher hat mich Gott gebracht/ durch seine große Güte / bis hierher hat er Tag und Nacht/ bewahrt Herz und Gemüte, / bis hierher hat er mich geleit/ bis hierher hat er mich erfreut,/ bis hierher mir geholfen.
Autorin: Bis hierher hat mich Gott gebracht: Die Hälfte der Woche, die Hälfte des Tagwerks ist getan, es ist Zeit um innezuhalten, sich zu stärken und Gott für seine Bewahrung zu danken. Und dann die Arbeit fortzusetzen. Ämilie Juliane kommt 1637 auf der Heidecksburg bei Rudolstadt als Flüchtlingskind zur Welt. Als beide Eltern wenige Jahre darauf sterben, nimmt der Graf zu Schwarzburg-Rudolstadt sie als Pflegekind in seine Großfamilie auf. Ämilie Juliane und ihre Schwestern und Brüder erhalten Unterricht
Sprecher: ...in guten Disziplinen und heilsamen Wissenschaften, als der Rhetorica, Historia, Genealogia und so weiter; und brachtens in der Poesie so weit, dass sie gar fertig ein deutliches, reines und angenehmes Gedichte auf allerlei Fälle schon in der Jugend schreiben konnten.
Autorin: Die gräfliche Familie und alle Mitglieder des Hofes leben verwurzelt in der lutherischen Tradition mit Bibel, Katechismus und Gesangbuch. Dazu kommen die neuen Vorstellungen einer innigen Beziehung zu Gott und dem Gottessohn Jesus, verbunden mit einem praktischen Christentum der Nächstenliebe. Dichtung und Musik haben in dieser gelebten Frömmigkeit einen bedeutenden Platz.
Choral (2. Strophe): Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank / für die bisherge Treue, / Die du, o Gott, mir lebenslang / bewiesen täglich neue./ In mein Gedächtnis schreib ich an: / Der Herr hat Großes mir getan, / Bis hierher mir geholfen.
Sprecher: Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank/ für die bisherge Treue,/ die du, o Gott, mir lebenslang/ bewiesen täglich neue. / In mein Gedächtnis schreib ich an: / Der Herr hat Großes mir getan, /bis hierher mir geholfen.
Autorin: Das Goldhochzeitspaar Schneider erinnert sich: vor fünfzig Jahren haben sie die gemeinsame Wohnung bezogen. Bald kam das erste Kind. Frau Schneider gab ihren Beruf auf und versorgte die junge Familie. Herr Schneider übernahm eine verantwortungsvolle Position in seinem Betrieb. Die Familie wuchs, die Schneiders bauten ein Haus. Als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, stieg Frau Schneider als Teilzeitkraft wieder in ihren erlernten Beruf ein. Dann der Unfall. Herr Schneider musste umschulen, fand aber zum Glück eine Stelle
im Nachbarort. Die Kinder wurden groß und verließen das Haus. Das erste Enkelkind wurde geboren. Der Ruhestand brachte den Schneiders neue Freiheiten. Die lang geplante große Reise, mehr Zeit für Hobbies und Ehrenämter, lebhafte Diskussionen mit den jugendlichen Enkeln über Lebensentwürfe, Berufsziele, Gott und die Welt. Schließlich die schwere Erkrankung doch Frau Schneider hat gelernt, damit zu leben. 50 ereignisreiche Jahre und heute bringen sie ihren Dank dafür vor Gott.
Choral (2. Strophe): Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank / für die bisherge Treue, / Die du, o Gott, mir lebenslang / bewiesen täglich neue./ In mein Gedächtnis schreib ich an: / Der Herr hat Großes mir getan, / Bis hierher mir geholfen.
Ein Leben, durch Arbeit und Familie geprägt, führte auch die Gräfin von Schwarzburg-Rudolstadt. 1665 tritt Albert Anton, der Sohn des alten Grafen, die Regierung an und heiratet seine Pflegeschwester Ämilie Juliane. Diese wird nun zur Chefin und Managerin eines Großbetriebes. In ihrer Person vereinen sich Religiosität und Organisationstalent. In ihrem Haushaltbüchlein notiert sie als erstes:
Sprecherin: Nachdem alle Ding durch Gottes Segen, wofern sie in seinem Namen angefangen, regiert werden, also muss vor allen Dingen in der Haushaltung das Gebet vorhergehen, dass es recht heißt: Ora et labora bete und arbeite.
Autorin: Das Schloss hat 153 Gemächer, zeitweise leben 152 Personen auf dem Hof. Ämilie Juliane ist zuständig für die Bewirtschaftung der bäuerlichen Güter und für die Vorratshaltung. Einmal notiert sie als Anweisung nach der Obsternte:
Sprecherin: Im Namen Jesu / das trockene Obst mit Zucker zu machen.
Autorin: Sie organisiert Festlichkeiten und Staatsbesuche, sie unterstützt verarmte Familien und Kriegsvertriebene mit Spenden und richtet Stiftungen zugunsten der beiden Mädchenschulen in Rudolstadt ein.
Täglich werden Andachten und Betstunden im Schloss gehalten, und dafür dichtet sie Glaubenslieder. 587 Lieder sind erhalten. Sie bedichtet jeden Wochentag, alle Feste des Kirchenjahres und des Lebenslaufes. In ihren Liedern nimmt sie die Anliegen ihrer Mitmenschen auf und wird so zur musikalischen Seelsorgerin:
Sprecherin: Danksagung nach glücklicher Entbindung - Den Eltern, wenn sie ihr Kind in die Schule schicken - Einer Offiziers-Frau, nachdem ihr Herr wieder glücklich nach Hause kommen ist - Einem Pfarrer vor der Ordination - Vor dem Gewitter
Autorin: Aus dem Lied Vor der Erbteilung spricht ihre ganze Lebenserfahrung:
Sprecherin: Hilf, dass wir uns gar nicht entzwein - bei Teilung deiner Gaben, - einhellig und einmütig sein und gleiche Liebe haben, damit, wenn es geht an das Gut sich ja nicht etwa scheidt das Blut und wir in Sünde fallen.
Autorin: In der Lebensmitte kommen Schicksalsschläge: das zweite Kind bleibt nur wenige Tage am Leben, drei ihrer Pflegeschwestern sterben in kurzer Zeit an den Masern. Ämilie Juliane wird krank, ihre Konstitution ist angegriffen. Aber sie lässt nicht ab vom Liederdichten, Singen und Beten. Das nahende Lebensende wird nicht verdrängt. Im Vertrauen darauf, dass Gott ihr bis hierher geholfen hat und auch weiter helfen wird, richtet sie tägliche Sterbe-Betstunden ein, um für sich und andere die ars moriendi, die Kunst des Sterbens, einzuüben. Während einer solchen Sterbe-Betstunde entschläft sie im Jahre 1706.
Dem Ehepaar Schneider sind zweihundert Jahre später ähnliche Gedanken nicht fremd: wie lange werden wir noch zusammen sein, werden wir zu Hause bleiben können, werden wir im Alter gut versorgt werden? Und was wird aus unseren Kindern und Enkeln?
Ämilie Juliane Gräfin zu Schwarzburg-Rudolstadt hat ihr Lied mit einer Vertrauensstrophe beschlossen, und Frau und Herr Schneider stimmen kräftig in den Gesang mit ein:
Choral (3. Strophe): Hilf fernerweit, mein treuster Hort,/ hilf mir zu allen Stunden. /Hilf mir an all und jedem Ort,/ hilf mir durch Christi Wunden./ Damit sag ich bis in den Tod:/ durch Christi Blut hilft mir mein Gott,/ Er hilft, wie er geholfen.
Sprecher: Hilf fernerweit, mein treuster Hort,/ hilf mir zu allen Stunden./ Hilf mir an all und jedem Ort,/ hilf mir durch Christi Wunden./ Damit sag ich bis in den Tod:/ durch Christi Blut hilft mir mein Gott,/ er hilft, wie er geholfen.
Das war Kirche in WDR 3 mit Kirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum aus Lippstadt über den Choral Bis hierher hat mich Gott gebracht - Evangelisches Gesangbuch Nummer 329. Es sang die Kantorei Lintorf-Angermund unter der Leitung von Heinrich Arndt.
Bis hierher hat mich Gott gebracht (EG 329)
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