Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.05.09, Pfarrer Jens Burgschweiger

Von der Seele geredet

„Jesus ist einmal auferstanden, ich zweimal“. Einer von unzähligen Einträgen in ein Buch, das in einer City-Kirche ausliegt.

Wer von der geschäftigen Fußgängerzone aus durch das gewaltige Portal den Kirchenraum betritt, ist im gleichen Augenblick berührt von der Stille. Plötzlich ist der Lärm draußen, die Menschen verhalten sich ruhig und andächtig. In der Nähe eines Kerzenleuchters liegt, aufgeschlagen auf einem Holztisch, ein Buch mit Hunderten von Seiten. Beschriebenen und unbeschriebenen.

„Ich war zweimal schon klinisch tot. Jetzt lebe ich erst wirklich.“ -

Steht da. Und darunter:

„Ich bin mit Sorgen gekommen und in Frieden gegangen“.

Hier schreiben sich Menschen von der Seele, was sie bewegt. In der Geborgenheit des dunklen Raumes fällt es ihnen oft leichter sich zu öffnen, rauszulassen, was sie mit sich herumtragen. Ganze Lebens- und Glaubensgeschichten kann man hier nachlesen. Komprimiert in ein, zwei Sätzen.

„Bin zur Zeit auf Kur hier und habe mir gedacht, in eine schöne Kirche zu gehen, kann ja nicht schaden. Bin absolut begeistert von der Schönheit hier und hoffe, dass mein Leben auch wieder einmal so schön wird.“

„Kirchen sind Atemräume der Seele“ - hat mal jemand gesagt. Und das stimmt: Kirchen geben mir die Möglichkeit innezuhalten, durchzuatmen, in Berührung zu kommen mit meinen Gefühlen. In ein Gespräch zu finden mit mir und – ganz ohne Krampf - auch mit Gott. Wer hier zur Feder greift, fühlt sich geschützt und ermutigt zu äußern, was er tief in seinem Innersten bewegt: Ängste, Sehnsüchte, ja auch Schuldgefühle. Und Dankbarkeit:

„Heute haben wir die Nachricht bekommen: Unsere Jenny wird wieder gesund. Danke den Ärzten! Und danke Gott – dass du uns unser Kind zurückgeschenkt hast.“

Da macht sich ein Mensch noch am gleichen Tag auf, schreibt seinen Dank, seine Freude, seine Erleichterung aufs Papier und ins Herz des lieben Gottes, dieses Beschützers, Behüters und Bewahrers. Aber auch dort, wo Gott sein anderes Gesicht zeigt – das Unbegreifliche sich ereignet und unser Leben verfinstert, wird zu ihm gefleht, werden die Tränen und das Leid vor ihm ausgeschüttet:

„Daddy, du fehlst mir so. Ich wünsche mir immer, du wärst noch hier. Wir vermissen dich so. Dein Grabstein ist jetzt endlich da. Er sieht toll aus – kannst du ihn vom Himmel aus sehen? Ich hab dich lieb.“

Manchmal sind es auch nur Aufschreie:

 „Lieber Gott, hilf!“

 Oder einfach nur:

„Lieber Gott!“

Kirchen als Atemräume der Seele. Selbst Liebeserklärungen finden hier Raum:

„Mama, ich liebe dich.“

In säuberlicher Schönschrift eines jungen Mädchens. Oder – mit ausladenden Buchstaben:

„Hier in aller Öffentlichkeit: „Andrea, ich liebe dich.“

Aber auch – ein paar Seiten weiter: 

„Ich liebe meinen Gott sehr.“

Wo sonst hat ein Mensch die Möglichkeit, das auszusprechen? „Wir können nicht verschweigen, was wir gesehen und gehört haben“ - sagt der biblische Monatsspruch. Gemeint sind  hier unsere Erfahrungen des Glaubens. Aber sind nicht Glaube und Leben  eins? Kirchen sind dafür die besten Zeugen.

Audiobeitrag Von der Seele geredet


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