Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.05.09, Pfarrerin Wiltrud Holzmüller

Der schwarze Peter

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,Bremen ist Kirchentags-Stadt, und Bremen ist ein Tor zur Welt. Im März besuchte ich mit einer Konfirmanden-Gruppe Bremen.

Wir waren verabredet mit einer Mitarbeiterin der Norddeutschen Mission. Wir trafen uns in einem Saal. An den Wänden hingen lauter Erinnerungsstücke aus Afrika: farbenfrohe Kleider und ebenso bunte Tücher. Ein Stuhlkreis wartete auf uns. Wir nahmen Platz. Die Mitarbeiterin hatte einen kleinen Ball in der Hand. Mit seiner schwarzweißen Außenhaut wirkte er wie ein Mini-Fußball. In Afrika wird viel Fußball gespielt, erklärte sie, und die nächste Fußball-Weltmeisterschaft wird in Südafrika ausgetragen. Jetzt brachte die Mitarbeiterin den Ball ins Spiel: Mal sehen, was ihr könnt. Sie warf ihn einer Konfirmandin zu. Die spielte ihn an ein anderes Mädchen ab. Von ihr bekam ein Junge den Ball und so weiter. Am Ende hatte jeder in der Gruppe den Ball einmal zwischen den Fingern gehabt.

Dann die nächste Herausforderung: Was meint ihr, wie lange braucht ihr, bis der Ball einmal die ganze Gruppe durchlaufen hat? Und wie schnell könnt ihr sein? Welche Zeit wollt ihr schaffen? Die Mitarbeiterin setzte eine Packung Plätzchen für den Fall, dass es die Gruppe in weniger als 21 Sekunden schaffen sollte. Aber die Plätzchen hätte es gar nicht gebraucht. Der Ehrgeiz war geweckt. Beim ersten Durchlauf klappte es nicht. Der Ball ging verloren. Er kullerte aus dem Kreis und musste erst wieder herangeschafft werden. Auch beim zweiten und dritten Mal war die Gruppe zu langsam.

Die entscheidende Frage war: Wann läuft das Spiel rund? Die Antworten kamen spontan: Wenn alle zusammen halten. Wenn alle zusammen arbeiten. Wenn sich alle auf die Aufgabe konzentrieren. Eine Antwort überraschte mich. Eine Junge sagte: Es läuft rund, wenn jeder Verantwortung für sich übernimmt. Wenn keiner die Schuld abschiebt. Er erinnerte sich an eine Situation, in der ein Mädchen den Ball ungünstig an ihn abspielte. Er konnte ihn dadurch nicht mehr fangen. Für einen Moment sah es so aus, als hätte er gepatzt. Aber das Mädchen hatte gleich zugegeben: Mein Abspiel war nicht gut. Nächstes Mal wird’s besser.

Es läuft rund, wenn alle zusammenhalten und keiner die Schuld abschiebt. Das war eine wichtige Erkenntnis. Sie ist nicht neu. Im Gegenteil: Schon in der Erzählung vom verlorenen Paradies wird davon berichtet: Schuld wird gerne abgeschoben. Gott sucht Adam, der sich vor ihm verbirgt: Wo bist du? Adam gibt zu, dass er sich vor Gott fürchtet. Er hat von dem Baum gegessen, von dem er nicht essen sollte. Adam redet sich schnell heraus: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Die Frau wiederum verweist sofort auf die Schlange: Sie betrog mich. Keiner will es gewesen sein. Insgeheim gibt Adam sogar Gott die Schuld. Er hat Adam schließlich die Frau an die Seite gestellt. Von Anfang an schieben Menschen Schuld gerne ab. Auch deswegen läuft es nicht mehr rund zwischen Gott und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Schöpfung.

Nein, die Erkenntnis ist nicht neu. Aber die Konfirmanden-Gruppe hat sie in Bremen neu gewonnen. Die Mitarbeiterin nahm am Ende einen großen Ball in die Hand. Er war bedruckt wie ein Globus. An einigen Stellen hatte er Macken so wie die richtige Erde. Die Frau fragte die Gruppe: Wann läuft es in der Welt rund? In der Welt läuft es rund, wenn alle zusammen halten, wenn alle zusammen arbeiten, wenn sich alle auf eine Aufgabe konzentrieren und wenn jeder Verantwortung für sich übernimmt.

Audiobeitrag Der schwarze Peter


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