Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.05.09, Antje Borchers

Die Kunst und der Mensch

Der Mensch ist ein Künstler. Eine Kunst beherrscht er perfekt: die Kunst, es nicht gewesen zu sein, die Kunst, die Verantwortung abzuschieben.

Schon die Bibel, dieses uralte Weisheitsbuch, erzählt davon, ohne zu jammern. Und wäre die Sache nicht so ernst, könnte man fast lachen über diese biblische Erzählung. Sie geht so: Gott hatte das Paradies geschaffen, den Garten Eden. Traumhaft schön war es da. Der Mensch hatte das Glück, in diesem Garten zu wohnen. Abends nun wandelt Gott durch den Garten, nirgendwo sieht er den Menschen. Er ruft: „Mensch, wo bist du?“ Der Mensch, genau genommen zwei Menschen, Mann und Frau nämlich, schieben sich hinter einem Baum hervor. Gott ahnt, was passiert ist. „Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich gesagt habe, ihr sollt nicht davon essen?“ – Ja, hab ich…, hätte Adam, der Mensch, sagen können. Aber jetzt kommt der Künstler: „Die Frau, die du mir gegeben hast, die gab mir zu essen.“ Und die Frau, ebenfalls Künstlerin durch und durch, verteidigt sich: „Die Schlange, die hat mich verführt.“
Wäre die Sache nicht so ernst, müsste man lachen über die Szene: Die Frau, die du, Gott, mir selbst gegeben hast, die hat Schuld… Ich bin nur ein Opfer der Umstände… Im Grunde hast du selbst Schuld, Gott.

Fehlt nur noch die Frage: Wo warst du, Gott, als das alles passierte? Warum hast du das zugelassen!?! – Der Mensch ist ein Künstler, seine Kunst ist die Kunst, es nicht gewesen zu sein.

In dieser Urgeschichte beschreibt die Bibel, was typisch ist für den Menschen, urtypisch. Darum müssen auch wir uns heute nicht wundern, dass wir das genauso erleben. In der Schule: Ich? Ich war’s nicht! – Auf der Arbeit: Das warn die aus der anderen Abteilung die haben’s mal wieder verbockt. – In der Finanzwelt, denn auch ein Banker ist nur ein Künstler: Finanzkrise? Das war ich nicht. Das waren die anderen. Ich bin ein Opfer der Umstände. Risikoreiche Anlagen? Ich habe keine Schuld, die Anleger wollten doch so hohe Renditen…

Wenn die Sache nicht so ernst wäre, könnte man einfach mit den Schultern zucken: Was soll’s, der Mensch ist eben so. Sagt ja schon die Bibel. Aber es hängen Existenzen davon ab: die Existenz von Unternehmen und die Existenz einzelner. Was macht man also, gibt es überhaupt einen Ausweg?

Ja, denn der Mensch ist zwar ein Künstler, aber auch ein Mensch und kann noch etwas Neues lernen, nämlich gerade zu stehen. Gerade zu stehen für das, was er gemacht hat. In der Schule, auf der Arbeit, in der Finanzwelt. Zum Beispiel sich nicht zu verpieseln, wenn er angesprochen wird von Gott und den Menschen, sondern zu antworten: „Hier bin ich. Ja, das war ich.“ Ver-Antwortung zu übernehmen. Genau dann wird der Mensch ein Mensch.

Die Geschichte von Adam und Eva damals ging übrigens weiter: Nachdem so einiges schief gelaufen war, hat Gott trotzdem weiter für die beiden gesorgt. Auch das gilt bis heute: Gott steht zu den Menschen und begleitet sie weiter durchs Leben, auch wenn einiges schief gegangen ist. Ein Neuanfang ist möglich.

Also, lassen Sie heute mal den Künstler stecken und antworten Sie als Mensch.

Audiobeitrag Die Kunst und der Mensch


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