Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.05.09, Pfarrerin Wilturd Holzmüller

Die verfluchte Frau

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Eva fragt Adam im Paradies: Liebst du mich? Adam antwortet: Wen sonst?

Der kleine Witz zeigt, wie bekannt die Geschichte von Adam und Eva ist. Kaum eine biblische Geschichte hat das Bild von Frau und Mann so geprägt wie sie. Die Frauen sind dabei nicht gut weggekommen. Sie erscheinen als leicht verführbare Wesen. Die Schlange schleicht sich an die Frau heran. Sie lockt sie, nach der verbotenen Frucht zu greifen und sie zu essen. Die Frau widersteht dem appetitlichen Anblick nicht. Schlimmer noch: Sie verführt den Mann, der bei ihr ist, es ihr nachzutun.

Verführbar, verführerisch, ungehorsam – auf einmal wird deutlich, welch gefährliches Wesen Gott dem Mann zugesellt hat. Von dessen anfänglicher Freude an der Frau bleibt denn auch nicht viel übrig. Spätere, Künstler, Dichter, Theologen, haben die Frau als Gehilfin des Teufels gebrandmarkt. Auf einem Gemälde gehen Frau und Schlange ineinander über. Die dunkle Schönheit wirkt wie der Teufel selbst oder zumindest wie ein finsterer Dämon.

Mir haben Bibelausleger unserer Tage geholfen, die Geschichte neu zu lesen. So habe ich als Frau einen freieren Zugang zu ihr gewonnen.

Es beginnt damit, wie Mann und Frau zusammen kommen. Am Anfang macht Gott den Menschen. Er stellt fest: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. So umgibt er ihn mit den Tieren des Feldes und mit den Vögeln des Himmels. Die Einsamkeit des Menschen vermag er damit nicht zu durchbrechen. Da entschließt sich Gott, den Menschen zu teilen. Er erschafft die Frau. Aus der Rippe des Mannes, habe ich früher einmal gelernt. Jedoch: Ist wirklich von der Rippe des Mannes die Rede? Man kann die Stelle in der Bibel auch anders übersetzen. Dann sagt sie: Gott verwendet eine Seite des Menschen. Ich finde das bemerkenswert. Es verändert die Zuordnung von Mann und Frau, wenn die Frau als die eine Seite des Menschen erschaffen wurde und nicht aus einem überflüssigen Knochen des Mannes. Die Frau ist die eine Seite des Menschen, der Mann die andere. So könnte die Geschichte auch zu verstehen sein.

Im weiteren Fortgang ist die Frau die Aktivere von beiden. Sie diskutiert mit der Schlange. Ist die Art, wie Gott das Leben für die Menschen geordnet hat, vertrauenswürdig? Kann man sich nach seiner Ordnung richten? Oder ist es besser, das Leben selbst in die Hand zu nehmen? Die Frau ringt um die Antworten. Der Mann wird dann auch essen.

Mann und Frau verbergen sich, als Gott sich nähert. Gott sucht den Mann: Wo bist du? Ich höre da auch die Frage: Wo warst du? Ja, wo war er, als die Schlange die Frau in ihren Gedankengang verwickelte? Warum hat er sich nicht eingeschaltet, als nur noch die Rede davon war, wie Gott das Leben für die Menschen einschränkt? Er hätte mit der Frau darauf hinweisen können, wie viel Gott den Menschen erlaubt und wie viel er ihnen anvertraut. Was habe ich getan? fragt Adam. Ich habe mich nur nach der Frau gerichtet. Eben. Das ist ja gerade das Schlimme. Er hat nicht eingehakt. Er hat nicht nachgefragt. Er hat nur im Stillen mitgemacht. Irgendwie menschlich und irgendwie auch fatal. So, wie es immer fatal ist, wenn Menschen sich da heraus halten, wo sie gebraucht werden, aus der Partnerschaft, aus der Familie, aus der Gesellschaft.

Klar, es wäre schön, die Schuld allein auf die Frau schieben zu können. Aber Adam als Mitläufer wird genauso hinterfragt wie die Frau, die das Vertrauen Gottes brach. Mann, wo bist du? Frau, was hast du getan? Die Menschen haben ihr Leben selbst in die Hand genommen. Nun erwartet Gott verantwortliches Handeln von beiden. Keiner soll sich hinter dem anderen verstecken.

Audiobeitrag Die verfluchte Frau


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