Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.05.09, Antje Borchers

Auf der Kante zwischen Kirche und Welt

Autorin:2009 ist in Deutschland das Jahr der Jubiläen: runde Geburtstage von Dichterinnen, Komponisten und Komödianten.

Auch Deutschland selbst feiert runden Geburtstag: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Und dazu: 60 Jahre Deutscher Evangelischer Kirchentag. Auch er wurde 1949 gegründet. Gustav Heinemann, der spätere Bundespräsident, verlas damals die Gründungserklärung und nannte die Grundidee: Der Kirchentag solle die evangelischen Laien zurüsten – für ihren Dienst in der christlichen Gemeinde und in der Welt. Und das ist bis heute so. Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Kirchentags:

O-Ton Dr. Ellen Ueberschär: Mich fasziniert genau diese Mischung, dass wir uns mit den Problemen der Welt auseinandersetzen, dass wir uns einmischen als Christen, und das ist für mich das Grundverständnis, also sozusagen einen starken Glauben zu haben und gleichzeitig mich in der Welt für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Und da ist der Kirchentag ein Aushängeschild für diese Art, sein Christsein zu leben.

Autorin: Heute Abend wird dieses Aushängeschild zwischen Kirche und Welt wieder aufgehängt: Denn heute Abend beginnt der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag, in Bremen. 100.000 Leute werden in der Hansestadt erwartet. Seit seinen Anfängen engagieren sich Prominente aus Politik und Wirtschaft beim Kirchentag. Ellen Ueberschärs Aufgabe war es, die „richtigen“ Leute für diesen Kirchentag zu gewinnen. Denn sie machen die Ausstrahlung des Kirchentags aus, der den Ruf hat, ein offenes Forum zu sein.

O-Ton Dr. Ellen Ueberschär: Deshalb sind die „Richtigen“ eigentlich immer die, die ihre Meinung artikulieren und die Position vertreten können und die das schon auf ’ner christlichen Basis tun, und auch es ertragen können, wenn andere anderer Meinung sind und auch auf dem Kirchentag auftreten.

Autorin: Wer auch immer dort auftritt, er tut es unter dem Motto des Kirchentages: „Mensch, wo bist du?“ Es ist das erste Mal in 60 Jahren, dass das Motto eine Frage ist. Aber angesichts der ganzen Krisen – Wirtschaft, Finanzen, Umwelt – und des Rückzugs der Kirchen in heimelige Gottesdienste – angesichts dieser Situation spürten die Verantwortlichen des Kirchentags: Genau diese Frage ist dran.

O-Ton Dr. Ellen Ueberschär: Was es jetzt braucht, sind Menschen, die Verantwortung übernehmen, die sagen: Ich stehe zu dem – auch morgen, was ich heute sage. Und dann kam irgendwann diese Frage ins Spiel aus der Schöpfungsgeschichte, die genau das tut, den Menschen zu fragen: Wo steht ihr eigentlich? Woran hängt euer Herz? Was beschäftigt euch, wo ist euer Ausgangspunkt? Und das hat alle so überzeugt, dass es eine sehr, sehr ernste Frage ist, die aber sehr, sehr offen gestellt wird.

Autorin: Mensch, wo bist du? – das ist eine der Fragen, die Gott den Menschen stellt. Damals im Paradies. Und heute. Nicht nur beim Kirchentag in Bremen, auch dort, wo Sie und ich gerade stecken, in unserem Alltag. Adam und Eva, die damals in ihrem paradiesischen Alltag die ersten waren, die diese Frage von Gott hörten, die haben sich vor der Verantwortung gedrückt, sie wollten lieber nicht sagen, wo sie stehen, und haben sich versteckt.

„Mensch, wo bist du?“ – Man kann auch anders reagieren, zum Beispiel: Hier bin ich, Gott, zu deinen Diensten – in der christlichen Gemeinde und in der Welt.

Audiobeitrag Auf der Kante zwischen Kirche und Welt


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