Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.05.09, Pfarrerin Wiltrud Holzmüller

Der gefragte Mensch

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Kaum etwas ist so schön, wie gefragt zu sein. Eine Freundin kam zu mir. Sie war überglücklich.

Endlich hatte ihr Sohn einen Ausbildungsvertrag bekommen. Seit Monaten arbeitete er als Praktikant in der Firma. Nun konnte er mit der Lehre beginnen. Die Mutter sagte: Ich habe es erst geglaubt, als ich es Schwarz auf Weiß gesehen habe. Ein älterer Mann ist ebenfalls erleichtert. Vor kurzem hat er erfahren, dass er in seinen alten Betrieb zurückkehren kann. Lange musste er wegen einer Herzerkrankung pausieren. Jetzt ist er gesundheitlich in der Lage, wieder zu arbeiten, und er kann tatsächlich wieder kommen. Das erwartet man heutzutage gar nicht mehr, sagt er.

Stimmt, dies sind glückliche und geradezu unerwartete Momente in einer Welt, in der die Nachfrage allenthalben einbricht. An den Kais von Bremerhaven wurden sonst hunderte von Autos eingeschifft. Heute herrscht da, wo verladen wurde, Stillstand und gespenstische Ruhe. Kaum ein Arbeiter ist zu sehen. Auch die renommierte Maschinenbau-Branche klagt über Auftrags-Rückgänge. An der Nachfrage nach Autos und anderen Produkten hängt aber die Nachfrage nach Arbeitskräften. Wird weniger verkauft, werden Leiharbeiter und Zeitarbeiterinnen entlassen. Kurzarbeit wird vereinbart. Selten war es wichtiger, als Arbeitskraft gefragt zu sein, und selten war es so wenig selbstverständlich.

Menschen wollen aber nicht nur als Arbeitskraft gefragt sein. Sie wollen auch gefragt sein als Mann, als Frau. In dem, was sie sind, und nicht nur in dem, was sie tun. Internet-Kontaktbörsen leben von diesem Wunsch. Wie muss ich mich darstellen, damit ich andere anspreche und damit andere mich ansprechen? Noch immer sehe ich das Brautpaar vor mir sitzen, beide über vierzig. Sie berichteten glücklich, wie sie sich über das Internet gefunden hatten.

Kaum etwas ist so schön, wie gefragt zu sein. Ja, manchmal sind wir geradezu stolz darauf. Oh, die interessiert sich für mich. Der will etwas von mir wissen. Die wollen mich in ihrem Betrieb haben. Die Bibel sagt: Wir sind gefragt. Gott fragt nach uns: Mensch, wo bist du? Offenbar sind wir ihm alles andere als egal. Aber wenn Gott nachfragt, reagieren viele beschämt.

Die Bibel erzählt: Das ist von Anfang an so gewesen. Gott kommt in den Garten Eden. Er schaut nach den Menschen. Ihm fällt auf: Sie sind nirgends zu sehen. Da ruft Gott Adam: Wo bist du? Adam gibt zu: Er hat sich vor Gott versteckt. Er fürchtet sich.

Warum ist es uns unangenehm, wenn Gott nach uns fragt? Fürchten wir uns, weil Gott etwas entdecken könnte, was uns unangenehm ist, weil wir keine Aufsicht oder Bevormundung wollen? Wir wollen unsere Lebensfragen lieber alleine beantworten. Wir wollen selber entscheiden, wonach wir uns richten und welche Richtung wir unserem Leben geben. Gott soll sich da raus halten. Da ist es beschämend, wenn er trotzdem nach uns sieht. Mensch, wo bist du?

Gott aber spricht uns weiterhin an. Auch jenseits von Eden begleitet uns seine Frage. Manchmal fragt er wie jemand, der auf der Suche nach einem Partner ist. Mensch, wo bist du? Wo bist du, der für mich Gegenüber sein kann? Ich vermisse dich. Die Frage klingt dann zärtlich, liebevoll, drängend. Sie kann aber auch ärgerlich klingen, enttäuscht, ungehalten. Mensch, wo bist du? Warum drückst du dich vor deiner Verantwortung? Ich möchte, dass du den Auftrag wahrnimmst, den ich dir gegeben habe, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Wo bist du, wenn es darum geht, etwas für die Gesellschaft zu erarbeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, der Welt ein menschlicheres Gesicht zu geben?

Gott fragt nach. Er will wissen, wie es uns geht, was wir tun, was uns beschämt, was wir brauchen, um leben zu können. Das sind wir ihm wert.

Audiobeitrag Der gefragte Mensch


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