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Die zwiespältige Welt
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,was ist das für eine Welt, in der wir leben, in der so Widersprüchliches geschieht:
die Erde manchmal ein Paradies und dann wieder ein Ort des Grauens, die Arbeit erfüllend und bereichernd und dann wieder mühsam und sinnentleert, das Verhältnis von Mann und Frau voller Freude aneinander und dann wieder ein Kampf ohne Ende.
Was ist das für eine Welt? Auf diese Frage gibt eine Erzählung am Anfang der Bibel Antwort, die Erzählung vom Garten Eden. Bildreich und scheinbar naiv erzählt sie von den Anfängen, von den ersten Menschen, von Adam und Eva. Und wie es zum Bruch zwischen Mensch und Gott gekommen ist.
Zum Bruch zwischen Mensch und Gott kommt es, wenn der Mensch die Grenze überschreitet, die Gott ihm gesetzt hat. Symbolisch wird das dargestellt, indem der Mensch nach einer verbotenen Frucht greift. Es ist die Schlange, die ihn dazu ermutigt. Die Schlange ist klug genug, mit der Angst des Menschen zu spielen. Sie setzt auf die Angst des Menschen, im Leben zu kurz zu kommen, und hat damit Erfolg. Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Vergessen ist der paradiesische Reichtum, den Gott vor den Menschen ausgebreitet hat. Im Blick ist nur noch das eine Verbot, den Baum der Erkenntnis nicht anzurühren. Die Menschen überschreiten die Grenze. Sie essen die Frucht und entscheiden damit zum ersten Mal selbst, was gut und was böse ist.
Der Erzähler meint: Das hat den Riss im Verhältnis von Mensch und Gott gebracht. Das Vertrauen zwischen Mensch und Gott ist zerbrochen. Aus dieser einen tief greifenden Störung folgen alle Störungen, die wir in unseren Beziehungen zur Mitwelt bemerken.
Gelehrte früherer Tage haben die Geschichte vom Garten Eden aber auch als die Geschichte der wahren Menschwerdung verstanden. Sie haben den Schritt in die Selbstständigkeit gefeiert: Der Mensch wird vom unmündigen Kind zum Erwachsenen, vom Tier zum Bürger.
Ist es nun ein Fluch oder ein Segen, der am Baum der Erkenntnis hängt? Die Menschen sind sich inzwischen nicht mehr sicher. Sie können unendlich viel entscheiden. Sie müssen aber auch unendlich viel entscheiden. Wie sollen die Güter der Erde verteilt werden? Darf man Embryonen nach ihrem Gebrauchswert auswählen? In dem Moment, in dem wir selbstständig handeln, wird auch offenbar, wie unvollkommen wir sind und wie blank und bloß wir dastehen.
Viele Krisen werden darauf zurückgeführt, dass sinnvolle Grenzen hemmungslos überschritten wurden. Die eine Generation lebt auf Kosten der nächsten, der eine Teil der Welt auf Kosten des anderen. Auf einmal werden Menschen wieder empfänglich für das, was die Paradies-Geschichte in ihrer Bildersprache sichtbar macht: Es gibt eine Grenze, hinter der jeder weitere Gewinn Verlust bedeutet. Denn der Gewinn an Freiheit bringt einen Verlust an Vertrauen und an Gemeinschaft mit sich. Und: Gott verdient gerade deshalb Vertrauen, weil er eine Grenze setzt.
In dieser Woche findet der Deutsche Evangelische Kirchentag statt. Am Mittwochabend wird er in Bremen eröffnet. Das Thema heißt: Mensch, wo bist du? Die Frage stammt aus der Paradies-Erzählung. Gott richtet sie an den Menschen, der nun selber entscheidet, was gut und böse ist. Mensch, wo bist du? Wofür stehst du ein? Gegen was gehst du an? Ich möchte in dieser Woche die Paradies-Geschichte mit Ihnen bedenken, auf dass wir das Paradies nicht aus den Augen verlieren.
Zitate: Heinz Zahrnt, Westlich von Eden, Piper, München,
Die zwiespältige Welt
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