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"Solange du mich brauchst, will ich leben"
Sprecherin: Sehr vererhrter Herr Pastor Gollwitzer, nach den Gesprächen bei Herrn Klepper denke ich, dass Sie vielleicht Freude daran hätten: Wir singen am kommenden Sonntag
den wunderschönen 23. Psalm von Heinrich Schütz. Ich hoffe, Sie sind nicht böse, dass ich Ihnen so einfach schreibe. Morgen fange ich im Burckhardthaus an, hoffentlich benehme ich mich nicht allzu töricht bei der mir ganz fremden Büroarbeit. Aber ich bin herzlich froh, überhaupt etwas tun zu dürfen. Mit ergebenen Grüßen Eva Bildt
Autor: Mit diesen Zeilen auf einer Kunstpostkarte, die das Bild: Christus wandelt auf dem Meer aus einem mittelalterlichen Evangeliar zeigt, beginnt Eva Bildt im September 1940 den Briefwechsel mit Helmut Gollwitzer, der heute nach fast siebzig Jahren in einer Auswahl gedruckt vorliegt und zwar unter dem Titel: Ich will Dir schnell sagen, dass ich lebe, Liebster.
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich bin Henning Theurich, evangelischer Pfarrer aus Bonn.
Selten hat mich ein Briefwechsel so berührt wie diese Briefe aus dem Krieg zwischen den Jahren 1940 und 1945. Es sind überwiegend Liebesbriefe, geschrieben aus der Not räumlicher Trennung und nicht dazu bestimmt, jemals gedruckt zu werden und sind doch zugleich Dokumente ihrer Zeit, wie auch Dokumente eines gemeinsamen Glaubens. Die meisten der noch erhaltenen Briefe stammen von Eva Bildt, insgesamt über 650, von denen jetzt 78 aus dem Evangelischen Zentralarchiv in Berlin veröffentlicht wurden.
Musik 1: Heinrich Schütz, Vertonung von Psalm 23, 1619, Opus 2, Nr. 12 swv 33 (Mauersberger 1965)
Eva Bildt ist 24 Jahre alt, als sie den sieben Jahre älteren evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer im August 1940 in Berlin im Haus des Schriftstellers Jochen Klepper persönlich kennen lernt. Sie ist ausgebildete Schauspielerin und Sängerin. Auf den Fotos eine bildhübsche junge Frau, die Selbstbewusstsein und Lebensfreude ausstrahlt, die dunklen Locken zum Teil mit einem modischen Kopftuch bedeckt. Ihr künstlerisches Talent hat sie von den Eltern: der Vater, Paul Bildt, ist ein beim Publikum beliebter Schauspieler am Berliner Staatstheater und auch die Mutter Charlotte Bildt, geborene Friedländer, ist von Beruf Schauspielerin. Aber als Jüdin hat sie Berufsverbot wie auch ihre einzige Tochter Eva, die als Halbjüdin gilt. Darum arbeitet Eva zunächst als Bürohilfskraft im Berliner Burckhardthaus, einem Zentrum für evangelische Frauen- und Mädchenbildung, später dann als Sekretärin bei Hanns Lilje, dem Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes. Eva Bildt ist eine überzeugte Christin, die sich erst im Alter von zwanzig Jahren hat evangelisch taufen lassen. Sie hält sich zur Bekennenden Kirche, also zu jenem Teil der evangelischen Kirche, die sich den Versuchen der Nazis widersetzt, gleichgeschaltet zu werden, und die am Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Einen Wort Gottes festhält. In Berlin Dahlem gehört sie zu der Kirchengemeinde, in der Martin Niemöller bis zu seiner Verhaftung Pastor war. Auf ihre erste Postkarte antwortet Helmut Gollwitzer einige Tage später, ebenfalls auf einer Kunstpostkarte. Sie zeigt das Eichhörnchen auf der Paradiestür am Baptisterium in Florenz.
Sprecher: Liebes Fräulein Bildt! Ihre schöne Karte kam gerade am Tage meiner Ausweisung aus Berlin und konnte darum weder befolgt noch im Trubel der dringendsten Geschäfte gleich beantwortet werden. Es ist mir leid, dass ich nicht kommen konnte
Wie geht es Ihnen denn im Burckhardthaus?
Hoffentlich halten Sies aus und finden ein wenig Befriedigung dabei! Bitte empfehlen Sie mich unbekannterweise Ihren Eltern! Mit guten Wünschen Ihr Gollwitzer
Autor: Was zwischen beiden zunächst so förmlich beginnt, entwickelt sich schnell zu einer großen Liebe, die aber bis auf wenige gemeinsame Urlaube nicht wirklich gelebt werden kann; denn Gollwitzer wird wegen seiner kritischen Predigten aus Berlin ausgewiesen, erhält Redeverbot für das ganze Deutsche Reich und wird schon bald zum Militär einberufen, zunächst nach Frankreich, dann nach Russland.
Gollwitzer - obwohl erst 31 Jahre alt ist in der Bekennenden Kirche bereits ein bekannter Mann. 1937 hat er bei Karl Barth in Basel zum Doktor der Theologie promoviert, ist in Dahlem zum Vertreter des verhafteten Martin Niemöller berufen worden und als Dozent an der Kirchlichen Hochschule in Berlin tätig. Kein Wunder, dass sich in der Gemeinde um diesen Junggesellen auf der Kanzel auch ein Kreis von jungen Verehrerinnen schart. Darauf scheint Eva Bildt anzuspielen, wenn sie ihrem frisch verlobten Helmut etwas kokettierend schreibt:
Sprecherin:
es ist ja doch furchtbar, einen so berühmten Mann zu haben! Und dass die mir zutraun, dass ich Dir eine gute Frau werde, ist ja wieder für mich ganz unfasslich. Oder nein, es ist nicht wahr, es ist eben das Schönste, dass sie es so empfinden
Autor: Im Januar 1941, fünf Monate nach ihrer ersten Begegnung, verloben sich Eva Bildt und Helmut Gollwitzer offiziell im Haus ihrer Eltern. Auf ihre Verlobungsanzeige haben sie die Strophe eines Kirchenliedes geschrieben:
Sprecher: Wenn zwei sich so begegnen und Lieb das Herze rührt will Gott von Herzen segnen, dass er sie fortan führt und eins zum andern sag, wen sollt ich anders wünschen aus hunderttausend Menschen, du bist meins Gottes Gab.
Musik 2: Heinrich Schütz, Vertonung von Psalm 23 (s.o.) Er erquicket meine Seele
Autor: Die Überzeugung, von Gott einander geschenkt zu sein, hat die beiden Verlobten nie verlassen allen Schwierigkeiten zum Trotz! Und die gibt es ja von Anfang an: Seit 1935 gelten im Deutschen Reich die so genannten Nürnberger Gesetze zur Entrechtung der deutschen Juden, wonach so genannte Halbjuden nur mit besonderer Genehmigung so genannte Deutschblütige heiraten dürfen. Eva Bildt und Helmut Gollwitzer bemühen sich immer und immer wieder um die Genehmigung einer so genannten Mischehe, auch mit Hilfe von Beziehungen letztlich aber vergeblich.
Sprecherin: Die schwerste Anfechtung für mich wird es wohl sein, dass es ja doch so bleibt, dass ich der Stein des Anstoßes bin, Du könntest heute heiraten, wenn Du willst. Ich dagegen habe grundsätzlich heute keine Möglichkeit mehr dazu
Es ist schon so, Du mein geliebter Helmut, dass Du für mich nur Glück bist, ich aber für Dich, zumindest auch ein Unglück.
Über dies alles hinaus empfinde ich eine beglückende Freiheit der Klarheit. Jetzt sind wir wirklich ganz auf Gott angewiesen, und das ist was Schönes, finde ich. Autor: Helmut Gollwitzer antwortet, indem er sie an ihre Verlobung erinnert
Sprecher: Du liebe, liebste Eva!
Wenn ich bedenke, wie ich damals mich zu Dir neigte und Dich küsste, die uns auferlegten Schwierigkeiten wohl wissend und doch nicht etwa durch einen Rausch über sie weggetragen, - wenn ich bedenke, wie leicht ich hätte davon abgehalten werden können oder mich durch irgendwelche Gedanken, Gefühle und Einflüsterungen mich hätte abhalten lassen können, und wenn ich bedenke, was mir damit entgangen wäre, dass Du mir damit entgangen wärst,- dann kann ich nur aufatmen und sagen, wie ich Dirs damals so oft sagte: Ich fand Dich nicht, Gott hat Dich mir gegeben.
Dass wir zusammengeführt worden sind, soll uns ein Beweis sein, dass Gott unser Glück besser im Auge hat, als wir es können
Du, Du Liebste, Du bist, Du bleibst meins Gottes Gab.
Musik 3: Heinrich Schütz, Vertonung von Psalm 23 (s.o.) Du bereitest vor mir einen Tisch
Autor: Die endgültige Ablehnung ihres Heiratsgesuches zählt noch zu den geringeren Schwierigkeiten, mit denen Eva Bildt und Helmut Gollwitzer es zu tun bekommen. Die bürgerliche Eheschließung ist ihnen beiden ohnehin unwesentlich gegenüber einer kirchlichen Trauung. Immer stärker aber geraten die Ehen mit einem jüdischen Partner unter staatlichen Druck. Auch auf Paul Bildt wird unter Androhung von Berufsverbot Druck ausgeübt, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen und sie damit der Deportation und Ermordung zu überlassen. Noch sind sie in ihrer so genannten privilegierten Mischehe geschützt, aber sie müssen doch jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen. Als sich im November 1941der populäre Schauspieler Joachim Gottschalk zusammen mit seiner jüdischen Frau und seinem Sohn das Leben nehmen, schreibt Eva Bildt unter dem Eindruck dieser schrecklichen Nachricht:
Sprecherin: Nun empfing mich hier die Nachricht, dass ein berühmter und allseits geliebter Kollege vom Vater sich mit Frau und 8jährigem Kind mit Gas vergiftet hat (in derselben Situation wie die Eltern). Die Frau unseres Freundes Jochen Klepper scheint auch in einer Zerstörtheit zu sein, die beängstigend ist.
Wenn man doch denken dürfte, dass die armen Toten von Gott angenommen werden! Ich muss es so primitiv sagen, weil ich es so fühle.- Theologie hilft da nicht. Der Eine, der Heiland wird sie nicht hinausstoßen, für die die Welt keinen Platz hatte. Wenn ich das denken müsste, würde ich verzweifeln, so sehr ich hoffe, dass Gott mir Kraft schenkt, vor diesem entsetzlichen letzten Schritt zurückzustehen.
Autor: Der Gedanke an Suizid als letzten Ausweg beschäftigt Eva Bildt von da an ständig. Zwar steht für sie selber im Blick auf Helmut fest: Solange du mich brauchst, will ich leben!, aber im Blick auf ihre Eltern und viele ihrer jüdischen Freunde und Bekannten, die in einer ähnlich verzweifelten Lage sind, lässt sie die Frage nicht los, wie und wann man sterben darf. Sie schreibt ihrem Verlobten, dass es auch für ihre Eltern als äußerste Möglichkeit keinen anderen Ausweg gibt, als den des Kollegen Gottschalk.
Sprecherin: Liebster Helmut: Menschlich ist das wirklich das einzig mögliche. Auch die Dichterfreunde (Klepper) sind zu demselben Entschluss gekommen, bei solch äußerster Not, wo die Trennung unumgänglich ist auf Erden.
Liebster, immer wieder erfahre ich, wie viel größer (Gott) ist als unser Herz darum, wenn Du dies liest, sei nicht allzu bange und verschreckt. Nimm es auf Dein Herz und wenn Dir Gott einen guten hilfreichen Gedanken schenkt, dann schreibe ihn mir oder den Eltern..
Autor: Ein Jahr später, im Dezember 1942, gehen auch Jochen Klepper, seine jüdische Frau und deren Tochter Renate in den Tod, weil sie keinen anderen Ausweg sehen, der drohenden Deportation zu entgehen. Der Tod der Dichterfreunde, in deren Haus sich Eva Bildt und Helmut Gollwitzer zwei Jahre zuvor begegneten, stellt Evas Lebensgrundlagen völlig in Frage. Im Januar 1943 schreibt sie dazu, sie könne sich ihr Leben nur noch auf der Seite der Leidenden denken, zumindest solange dieses Leid die Welt mit Geschrei und Jammer ohnegleichen erfüllt. Erstaunlich ist, dass sie dennoch allem Leid zum Trotz am Ende des Jahres 1943 an ihren Verlobten schreiben kann:
Sprecherin: Liebster Helmut!
Ich habe Gott unmöglich viel zugemutet- und ich kann nur sagen, dass er mich nie enttäuscht hat ja das ist ja eine unverschämte und unmögliche Formulierung: Er hat Wunder getan, das ist es, Wunder über Wunder.
Autor: Und vielleicht ist für sie auch dies ein Wunder, dass den Eltern das Schicksal des Schauspielerkollegen Gottschalk und der Dichterfreunde Klepper erspart bleibt. Ihre Mutter, Charlotte Bildt, stirbt im März 1945 an einer Krebserkrankung. Eva Bildt aber nimmt sich am 27. April 1945 das Leben, einen Tag nach dem Einmarsch der Roten Armee in ihren Wohnort bei Berlin. Das ist unfassbar und besonders tragisch so kurz vor dem Ende des Krieges und des Naziterrors! Offenbar war sie völlig verzweifelt und hatte nicht mehr die Kraft, vor diesem entsetzlichen letzten Schritt zurückzustehen.
Eva Bildt wird im Grab neben ihrer Mutter beigesetzt. Helmut Gollwitzer erfährt vom Tod seiner Verlobten erst ein Jahr später in seiner russischen Kriegsgefangenschaft, aus der er 1950 heimkehrt. Seinem Bericht über die Gefangenschaft, in dem er nicht nur die Lage der Kriegsgefangenen schildert, sondern auch die der sowjetischen Bevölkerung, gibt er den Titel:
und führen, wohin du nicht willst. Helmut Gollwitzer widmet ihn dem Gedächtnis von Eva und Lotte Bildt im Herzen derer, die sie liebten und damit ist wohl vor allem sein eigenes Herz gemeint.
Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag. Ich bin Henning Theurich, evangelischer Theologe aus Bonn.
_______________ Literatur: Ich will Dir schnell sagen, daß ich lebe, Liebster. Helmut Gollwitzer - Eva Bildt, Briefe aus dem Krieg 1940 - 1945, hg. v. Friedrich Künzel und Ruth Pabst. Mit einem Nachwort von Antje Vollmer
(Verlag C.H.Beck) München, 2008, 336. S. Preis: 14,95 Euro.
"Solange du mich brauchst, will ich leben"
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