Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.05.09, Pfarrerin Birgit Winterhoff

Erinnerungen

Guten Morgen, liebe Hörerin, guten Morgen, lieber Hörer,von Erinnerungen können wir nicht leben. Aber manchmal wird uns durch die Erinnerung wieder bewusst, wovon und womit

wir wirklich leben können. Es hat keinen Sinn, nur in der Vergangenheit zu leben. Aber wenn wir uns mit Hilfe der Erinnerung Vergangenes vergegenwärtigen, kann es uns helfen, ganz in der Gegenwart zu leben.

„Gedenket seiner Wunderwerke, die er getan hat, seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes“ (Psalm 105,5), heißt es in einem alten Lied der Bibel. Vorgetragen im Gottesdienst, um Erinnerungen wach zu halten und Mut für die nächsten Schritte zu gewinnen.

„Gedenket!“ Heute vor 64 Jahren endete mit der Kapitulation des Deutschen Reiches der Zweite Weltkrieg in Europa. Glocken läuten und Dankgottesdienste. „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen“ wurde gesungen. Ein Tag der Befreiung. Frieden. Nach unermesslichem Leid. Von unserem Volk über die Welt gebracht. Und nun Frieden. Seit 64 Jahren.

Zugleich erinnern wir uns in diesem Jahr daran, dass vor 20 Jahren die Mauer in Berlin gefallen ist. Einheit in Freiheit und Frieden – seit 20 Jahren.

„Gedenket!“ Welchem Gedenken geben wir Raum? Woran erinnern wir uns? Was verdrängen wir? Was wollen wir auf unsere Mahnmale schreiben? Was soll in unseren Gedenkbüchern zu lesen sein?

„Gedenket seiner Wunderwerke, die er getan hat, seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes.“ Zeichen und Wunder Gottes liegen nirgendwo offensichtlich am Tage. Nichts trägt erkennbar das Etikett „Gotteswunder“ oder die Aufschrift „Zeichen Gottes“ an sich.
Gott lässt sich niemals begreifen oder mit unserem Verstand erklären.

Unsere Berechnungen gehen nicht auf. Unsere Erklärungen greifen zu kurz. Das alte Lied der Bibel weist darüber hinaus. Hinter den Kulissen der Weltgeschichte sieht es Gott am Werke, in Gericht und Gnade. Es ruft die Geschichte des Volkes Israel in Erinnerung. Erwählt und geführt, gehalten im Gericht: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, der Knechtschaft, in die Freiheit geführt hat. 

Aber vielleicht gehen unser Herz und Gewissen auf, wenn wir uns an Gottes Güte und Bewahrung erinnern, die wir erfahren haben. Oder wir denken an die Härte, mit der Pläne durchkreuzt, Wege versperrt und das Leben in völlig andere Bahnen gelenkt wurde. Die Bibel ruft uns nicht in ein Land, in dem unsere Wege von Gotteswundern gesäumt wären und Gottes Strafen den Untaten auf dem Fuße folgten. Aber wer glaubt kann spüren, wie Gott nach ihm greift, ihn bewahrt oder ihm wehrt. Er kann dann Geschehenes und Geschehendes erfahren als Wunder Gottes, die er getan hat und als Urteile seines Mundes. Und er kann dann auch singen, vielleicht einstimmen in ein neueres Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch:
                 
„Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unsern Menschenstraßen,
Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen.
Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehen, uns durch das Leben tragen.“ (EG 648)

Audiobeitrag Erinnerungen


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