Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.05.09, Pastorin Beate Raguse

Babelfisch

Er ist klein, gelb, blutegelartig und wahrscheinlich das Eigentümlichste, was es im ganzen Universum gibt. Der Babelfisch.

Jenes Wunderwesen, das einmal  ins Ohr gesteckt, ermöglicht, die Sprache des Gegenübers zu verstehen. So  erzählt es Douglas Adam  in  „Per Anhalter durch die Galaxis“. Im Roman  muss die Erde einer Weltraumumgehungsstraße weichen, nur ein Mensch überlebt. Arthur Dent, der  fortan durchs Weltall reist und allerhand skurrile Gestalten trifft. Mit Hilfe des Babelfischs kann er mit allen kommunizieren. Kein Wunder, dass solche Erfindung Begehrlichkeiten weckt. Wie schön wäre es, sie im Ohr zu tragen. Wenn sich im Bus drei Mädchen auf türkisch unterhalten, jemanden nachahmen, kichern. Wie wäre es im Urlaub schwedisch sprechen zu können oder im Internet kyrillische oder chinesische Schriftzeichen zu entziffern. Neue Welten täten sich auf. Und vielleicht würde so ein Babelfisch auch helfen, eine PC Zeitschrift zu verstehen, die Telefonrechnung, den Brief vom Amt, bestenfalls könnte er zur Völkerverständigung beitragen. Oder auch nur zum familiären Frieden, weil der Vater endlich verstünde, warum der Krach aus dem mp3 Player in den Ohren seines Sohnes wie Musik klingt. 

Wünsche, die sich endlos fortsetzen ließen. Nicht umsonst ist der Babelfisch längst zum  Synonym für Verständigung geworden, für gelingende Kommunikation.  Übersetzungsprogramme tragen seinen Namen, PR Agenturen berufen sich auf ihn. Ihr Ziel, Botschaften klar formulieren, Missverständnisse vermeiden,  kurz einen Zustand wieder herstellen, den es – so erzählt es die Bibel - zu Beginn der Welt einmal gab. 

Damals - so heißt es- hatten alle Menschen die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Bis  sie auf die fatale Idee kamen, einen Turm zu bauen. Seine Spitze sollte an den Himmel reichen. Und sie als Bauleute berühmt  machen. Etwas besonderes wollten sie sein. Hoch hinaus. Doch je höher sie kamen, desto mehr ging das gemeinsame Ziel verloren. Wo sie sich gerade noch blind verstanden, nützt plötzlich alles erklären und diskutieren nicht mehr. Es gibt Missverständnisse.  Der Bau gerät ins Stocken, bis schließlich gar nichts mehr geht. Wo Verständnis war, herrscht Verwirrung, auf hebräisch: Babel. 

So erzählt die Geschichte vom Turmbau zu Babel vom Anfang aller Kommunikationsprobleme. So weit so schlecht, mag man sagen, da hat sich bis heute nichts verändert, jedenfalls nicht zum besseren. Und der Science Fiction ist ja ganz nett, aber eben nur Fiktion.  Und doch gibt’s Grund zur Hoffnung. Und Bote dieser Hoffnung ist ausgerechnet der Babelfisch denn  er ist nicht einfach ein geistloses Instrumentarium. Nein, der Fisch lebt von Gehirnströmen, die er seiner Umgebung entzieht. Er ernährt sich von ihnen. Von Symbiose ist die Rede. Er versetzt sich in die Gedankenwelt seines Gegenübers. Er geht eine Verbindung mit ihm ein. Tauscht sich aus. Fähigkeiten, die uns Erdlingen nicht fremd sind. Hören, sehen, begreifen, verstehen. Die Grundlagen sind gelegt. Und dazu: Gott schenkt uns Geist, seinen Geist. So erzählt es das Neue Testament. Den Geist, der die Menschen wieder verbindet. Der uns die Augen öffnet, damit wir das Gemeinsame erkennen. Und das Besondere bei jedem Einzelnen.

Gottes Geist öffnet uns die Ohren wie ein Babelfisch , wenn die Spätaussiedler von ihrem Traum vom eigenen Garten erzählen, Murad von den Werten seiner Eltern, Birgit von ihrem psychisch kranken Bruder. Und wir uns wundern, wie viel wir verstehen.

Audiobeitrag Babelfisch


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