Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.05.09, Pastorin Beate Raguse

Alkohol im Alter

„Das hätte ich nie gedacht“, sagt sie. „Nein, das hätte ich mir niemals so vorgestellt.“ Und dann erzählt sie.

Hält mitten im Satz inne, weil ihr noch ein Detail wichtig ist, eine Episode. Es ist soviel passiert, seit…, ja, seit diesem Tag im März, als sie einfach nicht mehr konnte. 

Drei Jahre hatte sie täglich eine halbe Flasche Schnaps getrunken. Mit dem Trinken angefangen, hatte sie schon viel früher. Damals, als die Kinder noch klein waren, Walter ihr Mann immer lange unterwegs war. Als ihre eigene Mutter wochenlang bei ihnen wohnte. Ihr sagte, was sie tun oder lassen sollte. Dabei war es egal, alles was sie tat, war falsch. Doch sie sagte immer „ja“. „Ja, Mama, versuch ich doch.“ Hinterher brauchte sie ein Glas Wein  oder zwei. Um ihren Ärger und ihre Wut hinunterzuspülen und das Gefühl, unfähig zu sein. Walter war ihr damals keine Hilfe gewesen. „Um des lieben Friedens willen“, sagte er. Und wegen des Geldes, das Mutter ihnen zusteckte. Das musste er nicht sagen, das verstand sie auch so.

Und dann gab’s auch wieder bessere Zeiten; die Kinder wurden selbststtändiger, ihr Mann bekam eine bessere Arbeit, das Geld reichte. Jahrelang trank sie nur wenig.  bis Walter starb, ganz plötzlich. 63 war er. Und sie hatten noch so viele Pläne.

Jetzt saß sie alleine in der großen Wohnung, wartete um fünf, dass sich der Schlüssel im  Schloss drehte. Doch es blieb ruhig, abends, morgens, immer. „Totenstill“, dachte sie. Eine Flasche Wein musste sie trinken, damit sie einschlafen konnte. Eine Flasche Wein, bevor sie das erste mal alleine zum Kegeln ging. Und bald noch eine halbe dazu, als sie merkte, dass sie komisch angesehen wurde. Von Trude ihrer Schwester.  „Was wusste die denn?“

Soviel war es doch gar nicht. Nur dass der Kühlschrank  jetzt ständig leer war,  weil sie einfach keinen Appetit mehr hatte. Das kam ihr komisch vor.
 
Niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal so abstürzen würde. Aber auch wie es weiterging, kann sie bis heute kaum fassen. Ausgerechnet ihre Schwester Trude hat ihr geholfen, an dem Tag , an dem sie zusammenbrach. Zugehört hat sie, mal nicht genörgelt, nur genickt. Beim Arzt angerufen, und sie begleitet, schon drei Tage später in die Psychiatrie zur Entgiftung.  Wie im Krankenhaus war es da, Aufnahme, Versicherungskarte, 10 Euro am Tag. Schwestern, die sich um sie kümmerten. Mitpatienten,  denen man ihre Sucht nicht ansah. Eine Reihe junger Kerle, aber auch Gertrud, Karl und Günter. Denn, das hatte sie da gelernt, Alkoholismus macht auch vor älteren Leuten nicht halt.  Von Kriegserlebnissen, die ganz unverhofft immer wieder hochkamen, erzählten die anderen. Davon, sich ständig um andere gekümmert zu haben, nie um sich selbst, und immer wieder von der Einsamkeit. Sie war nicht die Einzige.  Das wusste sie jetzt. Sie war keine Versagerin. Sie war krank. Ist es noch, aber sie will ihre Krankheit in den Griff kriegen. Sie will trocken blieben, jetzt wo sie schon seit  14 Monaten keinen Tropfen mehr angerührt hat. Sie will keine Angst mehr haben vor den Ergebnissen der Blutuntersuchung. Will aus dem Haus gehen ohne ein Pfefferminzbonbon im Mund.  Sich mit Gertrud, Karl und Günter treffen.
Sie freut sich drauf, sagt sie. Mit 76 Jahren noch mal neue Bekannte, wenn ihr das vor zwei Jahren jemand gesagt hätte... und  überhaupt, wenn sie auch nur geahnt hätte, dass es ihr noch einmal so gut geht. Vielleicht, sagt sie, hätte sie den Schritt in den Entzug dann früher gewagt.

 

Audiobeitrag Alkohol im Alter


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