Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.05.09, Pfarrerin Britta Jüngst

Nur Schall und Rauch?

Gretchen ist bis über beide Ohren verliebt in den schlauen Dr. Faust. Voller Hingabe hängt sie an seinen Lippen. Und doch plagt sie die Frage:

Heinrich, wie hast du’s mit der Religion? Natürlich bleibt ihr der beredte Faust eine Antwort nicht lange schuldig. Gott, nun ja, Gott ist irgendwie alles, Gott umfasst alles, Gott erhält alles, Gott ist Schöpfer, Geheimnis, Glück, Herz, Liebe, Gott eben. Der Name Gottes ist für Faust nicht entscheidend. Name, so legt es Johann Wolfgang Goethe seinem Helden in den Mund:  Name ist Schall und Rauch.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Ich heiße Britta Jüngst und bin Pfarrerin im Frauenreferat der Evangelischen Kirche von Westfalen.  Mein Vorname „Britta“ bedeutet „erhaben“ und „hoch“. Dabei bin ich noch nicht einmal 1,60 groß. Doch das konnten meine Eltern ja nicht wissen. Ich mag meinen Namen trotzdem. Die Vorstellung, wie eine Britta auszusehen hat, ist auch nicht so schrecklich festgelegt. Die strohblonde Carmen aus meiner Parallelklasse hatte damit mehr zu tun. „Name ist Schall und Rauch.“

Doch wenn wir in die Bibel sehen, können wir Herrn Goethe bei aller sonstigen Wertschätzung nur widersprechen. Namen sind nicht nur Schall und Rauch. In der Bibel zeigen schon die Namen von Personen an, was mit ihnen los ist. Die Namen verraten, was Gott mit ihnen vorhat, buchstäblich von Adam und Eva an. Der Name Adam kommt vom hebräischen Wort für Erde: Adama. Adam ist das von der Erde genommene Wesen. Eva, hebräisch Chavva ist die Mutter alles Lebendigen. Der berühmte Stammvater Abraham wurde so genannt, weil er der Av raham – der Vater von vielen wurde. Ruth, die Schwiegertochter der alten Naomi, heißt: die Freundin, die Gefährtin, weil sie Naomi auch in der Gefahr nicht allein ließ. Und auch der Name Jesus, Jehoschua weist auf das, was Gott mit ihm vorhat: zu retten und zu befreien.

Namen sind nicht nur Schall und Rauch. Namen erzählen eine Geschichte, erzählen vom Leben.

Musik

Hat Gott einen Namen? Für Kinder ist „Gott“ zumeist kein Name. Es ist eher eine Bezeichnung, wie eine Berufsbezeichnung, an die sich bestimmte Erwartungen knüpfen. „Der Gott soll meine Oma wieder gesund machen.“ Oder: „Der Gott hat das mit der Welt nicht wirklich gut gemacht, wenn es so viel Krieg gibt.“

Hat Gott einen Namen? Das hat auch Mose vor langer Zeit gefragt. „Was soll ich Israel sagen, wenn sie mich fragen, wer ihr Gott ist?“, wollte er von eben diesem Gott wissen. Und bekam die Antwort: „Ich bin da, weil ich da bin.“ Oder anders übersetzt: „Ich werde mit dir sein.“

Im ersten Testament hat Gott einen Eigennamen, der in seiner Buchstabenfolge auf diese Aussage „Ich bin da“ anspielt. Es sind die vier Buchstaben J – H – W – H. Wie dieser Namen ausgesprochen wurde, das wissen wir nicht. Wir wissen jedoch, dass er seit biblischen Zeiten nicht ausgesprochen wurde, aus Achtung vor Gott, um Gottes Namen vor Missbrauch zu schützen, um Gottes Freiheit zu respektieren. Um deutlich zu machen, dass wir Menschen Gott nicht ganz fassen können, nicht einmal Gottes Namen. Der Name Gottes selber, wie ihn die biblischen Schriften überliefern, wahrt das Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen. Du sollst dir kein Bildnis machen, weil jedes Bild Gott festlegen will.

Da wir Menschen jedoch nicht anders als in Bilder denken und sprechen können, wäre es vielleicht besser übersetzt: verwechsle nicht dein Bild von Gott mit Gott selbst. Gott sprengt die Rahmen deines Bildes.

Am letzten Montag hat sich der Todestag der Theologin und Gottespoetin Dorothee Sölle zum 6. Mal gejährt. Dorothee Sölle hat mit der ihr eigenen Eindrücklichkeit davor gewarnt, sich – wie sie sagte – „ein Foto von Gott“ zu machen. Sie schrieb 1996:

SprecherIn:
„In den letzten zehn Jahren bin ich bestimmt über hundertmal von Journalisten gefragt worden: >>Welches Gottesbild haben Sie eigentlich?<< Keins, brumme ich dann. Ich soll doch nicht! Mal dies, mal jenes. Vater oder Mutter oder Morgenglanz der Ewigkeit oder d-moll-Klavierkonzert. Kommt darauf an, wo ich Gott treffe. Schließlich werde ich ärgerlich und sage: Können Sie nicht mal eine Sekunde Ihren blöden kleinen Kasten, mit dem Sie Bildchen fangen gehen, aus der Hand legen?! Glauben Sie denn im Ernst, Sie könnten die Gerechtigkeit knipsen? Den Trost filmen? Die Güte dokumentieren? Meinen Sie immer noch, wenn Sie mit Ihrer phantastischen Kamera am Ostersonntag in Jerusalem dabei gewesen wären, Sie hätten etwas von dem Gott, der manchmal sichtbar wird, aber nie zur Verfügung steht, auf Ihrem Film?
Dieses merkwürdige Gebot schützt Gottes Freiheit – vor Pfaffen und Ideologen, vor Fundamentalisten und allen übrigen Gottesbesitzern. Es lässt Gott das, was wir in allen unseren Beziehungen zu respektieren lernen müssen: die Andersheit des anderen. Gott überrascht uns mit seinem Auftauchen am ungewöhnlichen Ort. Mit Sprachen, die manchmal so unverständlich sind wie das Gestammel eines behinderten Kindes. Mit Namen, die wir nicht kennen und solchen, die wir neu erfinden müssen. Das Gebot erinnert daran, dass Gott größer ist als unser Herz, dass in ihm auch das Fremde, Unerwartete, Noch-Nichterschienene steckt.“

(Sölle/Schottroff, Den Himmel erden, S. 83)
 
Autorin:
Wie aber sollen diese vier Buchstaben JHWH, der Name Gottes, übersetzt werden? Und wie können wir Gott anreden, wenn der Name Gottes unaussprechbar ist? Martin Luther hat in seiner Übersetzung der Bibel ein Hilfsmittel gewählt. Überall dort, wo der Gottesname im hebräischen Text stand, hat er „HERR“ übersetzt. Mit Großbuchstaben geschrieben, um diesen einen Herrn nicht mit den vielen Herren dieser Welt zu verwechseln. Beim Lesen wissen wir also, wenn es um Gott geht, und werden daran erinnert, dass da, wo wir HERR lesen, ein unaussprechliches Geheimnis gemeint ist.

Musik

Martin Luthers Hilfskonstruktion HERR wurde jahrhundertelang als Synonym für Gott verwendet, wird von manchen sogar als einzig angemessene Übertragung des Gottesnamens behauptet. Heute erscheint es vielen Frauen und Männern unmöglich, von Gott als einem Herrn zu sprechen und sich zu Gott dem Herrn zu wenden. Ihre Erfahrungen mit Gott passen nicht zu diesem Wort, das ihnen  zu autoritär klingt. Herr, das klingt nach Herrschaft, nach beherrscht-werden, da sind die Menschen klein und nichtsnutzig und Gott machtvoll, erhaben und weit weg.

Unabhängig davon, ob ich, ob Sie diese Haltung teilen – sie ist ernst zu nehmen. Wir können doch einander nicht vorschreiben, wie wir das erleben, wenn Gott zu uns spricht „Ich bin da, weil ich da bin“.  

Hat Gott einen Namen? Und einmal anders betont: hat Gott einen Namen? Einen einzigen? Wie und wo erleben wir Gott? Ist Gott in der Liebe? In der Geborgenheit, der Ruhe, der Lebendigkeit? Ist Gott da immer gleich? Und wo ist Gott, wenn wir Lieblosigkeit erleben, uns heimatlos fühlen, getrieben, leblos? Begegnet Gott in all diesen Erfahrungen immer auf die gleiche Weise? Und begegnet Gott uns heute überhaupt?

Dorothee Sölle hat immer wieder dafür geworben, sensibel zu sein und mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Gott unseren ganz normalen Alltag begleitet:

SprecherIn:
„Ich meine … nicht, dass Menschen heute Gott weniger erfahren als in früheren Zeiten; Gottes Präsenz und Gottes Abwesenheit sind im Jubel und in der Verzweiflung, und manchmal gar in der rätselhaften Vermischung beider, auch uns gegeben. Das Leben selber ist von dieser Qualität, die wir Gott nennen, so durchdrungen, dass wir gar nicht umhin können, von ihr so zu zehren und nach ihr zu hungern. Nur wissen wir das oft nicht, weil wir sprachunfähig gemacht worden sind.“

(D. Sölle, Es muss doch mehr als alles geben, 39f)

Autorin: Ich selber bin früher davon ausgegangen, dass Gott nur in ganz besonderen Augenblicken da ist. In Momenten, die mir besonders weihevoll vorkamen, in denen ich mich besonders würdig fühlte. Doch mittlerweile weiß ich, dass Gott wirklich immer da ist, in jeder Situation, und sei sie noch so banal. „Ich bin da, weil ich da bin.“

Doch Gott ist nicht auf immer die gleiche Weise da.  

Manchmal zum Beispiel, wenn ich meine Kinder ansehe und alles so wunderbar ist, ist Gott da in diesem Gefühl, dass mir vor Liebe und Dankbarkeit schier das Herz platzen könnte. Und wenn ich mich bei den Sätzen ertappe, die ich eigentlich nie zu meinen Kindern sagen wollte,  ist Gott eher ein mahnender Einspruch mitten in meinem empörten Wortschwall. Wenn ich das Gefühl habe, ich schaff das alles nicht, habe ich in Gott einen Freund an der Seite, der mich zum Spazierengehen drängt, damit ich erst einmal durchatme.

Musik

Diese so verschiedenen Erfahrungen lassen sich nicht mit einem Namen nennen. Das war auch den Übersetzerinnen und Übersetzern der Bibel in gerechter Sprache klar. Diese Übersetzung, die am Reformationstag 2006 erschienen ist, macht die sozialen Realitäten der biblischen Zeit deutlich. Die jüdische Denk- und Lebensweise Jesu und seiner Leute ist eine ihrer selbstverständlichen Voraussetzungen. Männer und auch Frauen werden sichtbar und genannt.

Auch die Übersetzer und Übersetzerinnen der Bibel in gerechter Sprache standen vor der Herausforderung, den Gottesnamen JHWH zu übersetzen. Sie haben entschieden, die Unübersetzbarkeit des Gottesnamens radikal deutlich zu machen und ernst zu nehmen.

So werden wir beim Lesen auf den Gottesnamen aufmerksam gemacht, indem an dieser Stelle der Text hellgrau unterlegt ist. Für das Hören und Sprechen haben sie entschieden, eine Auswahl verschiedener Aspekte des Gottesnamens vorzuschlagen, nicht als je endgültige Übersetzung, sondern als Verweise auf das Geheimnis Gottes und als Anregung, an Gott zu denken und über Gott nachzudenken. Auch als Anregung, sich zu Gott zu wenden.

In der neuen Übersetzung wird „die Lebendige“ als ein Name für Gott benutzt. Eine Frau beschreibt, was dieser Name Gottes für sie bedeutet: „Die Lebendige spricht mich an, weil damit Leben vermittelt wird. Etwas Lebendiges bewegt sich, verändert sich, zeigt sich von anderen Seiten, entwickelt sich weiter. … Auch so kann ich Gott sehen, mehr als nur männlich und weiblich.“ Doch auch der Übersetzung des Gottesnamens mit „der Lebendige“ kann sie zustimmen: Sie sagt: da ist Zuversicht, Kraft, Vitalität, Entwicklung wird möglich, auch für uns Menschen.

Der Gottesname wird auch übersetzt, wie Mose ihn mitgeteilt bekam: „Ich bin da“. Die Gegenwart Gottes, immer und überall. Ob wir Gott nun wahrnehmen zwischen Finanzkrise und Frühling oder nicht: ich bin da.

Oder wie Dorothee Sölle Gott sagen hörte:

SprecherIn:
 „Ich bin das Geheimnis des Lebens,
du wirst mich nicht entziffern
und verkäuflich machen,
du wirst mich nicht einteilen
in überflüssig und verwertbar,
du wirst meinen Namen nicht an dich reißen,
um deine Macht zu vergrößern,
du wirst meine Kraft spüren
jenseits der Bilder und hinter den Namen…“

Autorin: Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Britta Jüngst von der Evangelischen Kirche.


Musik
Bebel Gilberto
CD: Tanto Tempo
Track 8 Lonely     
Track 2   August Day Song   
Track 3 Tanto Tempo   
Track 5 Maiz Feliz    

Audiobeitrag Nur Schall und Rauch?


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