Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.05.09, Prof. Dr. Stefanie Schardien

Keine Frage des Alters

Das Alter macht uns zu schaffen – und zwar oft gerade nicht das eigene: Da ist z.B. mein älterer Nachbar, der sich regelmäßig über den ungeduldigen „Jungspund von Busfahrer“

beschwert. Oder meine Bekannte, um die vierzig, die nach einem anstrengenden Tag im Büro keine Lust hat auf das Gekreische der Gören von nebenan, selbst nicht auf das fröhliche. Und neulich in der Boutique erklärte ein Teenager seiner Mutter klipp und klar, wie unmöglich Jeans für 20jährige an ihr aussähen. Komm Du mal in mein Alter, hört man sie alle innerlich seufzen. Mal ehrlich, bei allem Respekt und guten Willen: in vielen Situationen ärgern wir uns über Menschen aus anderen Generationen. Vielleicht ist es also ganz gut, dass jedes Alter zur eigenen Zielgruppe wird: Seniorenfreizeit, Teenager-Discos, Nordic Walking gegen die Midlife Crisis. Jedem Alter das Seine. Will man Menschen aus anderen Generationen in der Freizeit irgendwo treffen, muss man sich schon ganz schön anstrengen. Auch Großfamilien, in denen man ganz selbstverständlich mit Jung und Alt zusammenlebt, sind ja eher eine Seltenheit.

Ohne solch gemeinsames Leben und wechselseitiges Erleben der Generationen geht aber auch etwas verloren: das Wissen voneinander; das Verständnis füreinander. Was schert mich, welche Sorgen Kinder heute haben? Warum sollte ich Junge für die Alten noch verantwortlich sein? Kümmern die sich denn um mich? Da bröckelt er vor sich hin, der Generationenvertrag, nicht nur in den Versorgungsstatistiken, sondern vor allem in Kopf und Herz. Mittlerweile gibt es Gegentrends, die das Problem erkannt haben: Seit einigen Jahren entstehen in vielen Städten Mehrgenerationenhäuser. In Nordrhein-Westfalen sind es schon rund 60. Sie sind Treffpunkt, Ort für Gespräche und wechselseitige Unterstützung. Dort ist man überzeugt: das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlichen Alters bietet eine Menge Chancen. Andere Generationen, andere Fähigkeiten.

Genau genommen gibt es eigentlich viel mehr Mehrgenerationenhäuser und die auch nicht erst seit einigen Jahren. Christliche Gemeinden, die sich in Kirchen und  Gemeindehäusern treffen .  Die haben von jeher alle Generationen unter einem Dach versammelt und darauf gesetzt: gerade aus dieser bunten Mischung entsteht eine lebendige Gemeinschaft, in der man füreinander sorgen, aneinander wachsen, miteinander feiern kann. Viele Glieder – ein Leib. Dieses Wort von Paulus leuchtet mir auch für das Zusammenleben der Generationen in der Gemeinde ein. Was in der Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit mehr ist, gehört für die Kirchen eigentlich zu ihrem innersten Kern: Menschen zusammenzubringen, statt sie immer mehr säuberlich nach Zielgruppen getrennt voneinander fern zu halten. Eigentlich. Denn die Verteilung der Gemeindeglieder auf Jugendgottesdienste, Krabbelgruppen und Altentreffs scheint ja auch den Kirchen oft als so verlockend einfache Strategie.

Wie es gut klappen kann mit dem Zusammenleben der Generationen, das lässt sich in zwei Wochen sehen: beim Evangelischen Kirchentag in Bremen. Da wird der Jungspund auf dem Papphocker neben der älteren Dame dem Vortrag lauschen. Kinder und Senioren regen sich in der Armuts-Ausstellung gemeinsam über Ungerechtigkeiten auf. Und beim Open-air-Gottesdienst entdecken die 14- und der 40-Jährige ein gleiches Lieblingslied. Natürlich haben alle ihre eigene Perspektive, aber eines hält sie eben zusammen: ihr Blick für Gott – und der ist zum Glück keine Frage des Alters.

Audiobeitrag Keine Frage des Alters


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