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Einmalig
Eine Frage wird in unserer Zeit besonders oft gestellt: Wie finde ich wohl am besten zu mir selber?
Ob wir also im Laufe unseres Lebens aus all seinen vielen Einzelteilen ein schönes, gelungenes Selbstportrait gestaltet haben. Und zur Unterstützung werden uns eindrückliche Vorbilder angeboten - Stars, Sterne am Erfolgshimmel - denen wir nur allzu oft bereitwillig nacheifern. Jüdische Gelehrte erzählen sich dazu gerne die Geschichte vom ehrenwerten Rabbi Sousa. Auch er sollte eines Tages Rechenschaft über sein Leben abgeben - und das auch noch vor dem Allerhöchsten. Unsicher trat er vor den Schöpfer der Welt. Hatte er tatsächlich allen Anforderungen an einen wahren Gerechten Genüge getan? Aber der Allmächtige - so erzählen es die Gottesgelehrten - wollte gar nicht wissen, warum er in seinem Leben nicht so ein Gerechter geworden ist wie Abraham oder Mose oder David. Stattdessen schaute Gott den ehrenwerten Frommen freundlich an und fragte ihn, warum er denn nicht Rabbi Sousa geworden ist. Also einmalig und einzigartig, unverwechselbar sozusagen, so wie nur er es hätte sein und werden können. So, wie er, Gott ihn selber erdacht und geschaffen hatte.
Was haben nicht auch mich oft genug große Vorbilder erschreckt, eingeengt und fast erschlagen. Meine Mutter mit ihrer Kochkunst und Musikalität; der Opa unserer Nachbarn mit seiner faszinierenden Geschicklichkeit im Handwerkerkeller; und später dann die Professoren, die scheinbar all das wussten, was ich mir noch mühsam aneignen musste. Natürlich ist es gerade für einen heranwachsenden Menschen anregend, sich an Lebensvorbildern orientieren zu können. Aber wir verlieren unsere einzigartige Persönlichkeit, wenn wir den Körper von Heidi Klum oder den Geist von Albert Einstein haben wollen, am besten noch beides miteinander kombiniert.
Im Grunde ist es ein Hohn auf unseren Schöpfer, zu meinen, wir einmaligen Menschenwesen müssten zum Klon der Titelbilder von Hochglanzillustrierten werden. Was dabei entsteht ist ein trauriger Clown, der mit dem von Gott jedem einzelnen geschenkten, unverwechselbaren Leben so gar nichts mehr zu tun hat. Denn das ist ja gerade der Reiz unserer Lebensjahre: Herauszufinden, wer man tatsächlich ist. Oder wie es einem gelingen könnte, noch zu dem zu werden, den Gott im Moment unserer Schöpfung vor Augen hatte. Nun weiß ich wohl, dass bei der Selbstfindung viele äußere Umstände erleichternd, aber eben auch erschwerend sein können. Der weise Rabbi Sousa wusste immerhin noch um seine Chancen. Vielen anderen wird bis heute nicht einmal Lesen und Schreiben ermöglicht.
Aber lassen Sie uns, liebe Hörerinnen und Hörer, einmal ganz bewusst von uns selber ausgehen. Halten nämlich auch wir an falschen Traumbildern fest, dann gefährden wir uns bei Nicht genügen zwangsläufig selber. Wir lähmen uns. Wie in der biblischen Erzählung von Lots Frau. Ihren Blick nur nach hinten, auf die geplatzte Vergangenheit gewandt, gelang es ihr nicht, zu sich persönlich und ihrer eigenen Zukunft zu stehen. Stattdessen erstarrte sie zu einer Salzsäule.
Und meinen Sie jetzt bitte nicht, ich selber hätte von Anfang meines Lebens an immer ganz genau gewusst, wer ich bin und wozu ich später als Geistlicher auf der Welt sein sollte. Eigentlich ist es mir wie Pastor Bromfield ergangen. Er war der Seelsorger von Grandma Moses, der Begründerin naiver Malerei in den USA. Nach einem seiner Besuche auf ihrer Farm in Vermont schrieb sie in ihr Tagebuch: Ich kannte ihn schon, als er noch ein ganz junger Mann war, und ich habe im Laufe der Jahre erlebt, wie aus dem Studenten ein Theologe, aus dem Theologen ein richtiger Pastor und aus dem Pastor schließlich - ein Mensch wurde.
Das braucht Zeit. Aber warum sollte es Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, nicht auch einmal gelingen, zu so einem echten Menschen zu werden?
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