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Erfüllter Tag
Schon als kleiner Junge fand ich den Abend am schönsten. Ich hatte meinen Tag, so oder so, geschafft. War er gelungen, war ich zufrieden.
Ging etwas daneben, lag auch das jetzt hinter mir. Außerdem schmeckte es mir zum Abendbrot immer am besten. Vielleicht auch deshalb, weil ich immer schon ein Schwarzbrot mit Schinkenspeck jeder Schwarzwälder Kirschtorte vorzog.
Jeder Abend ist für mich bis heute voller Verheißung: Jetzt ist erst einmal Ruhe. Ich brauche nicht noch in die Nacht hinein zu wirtschaften. Ganz im Sinne des Dichters Hermann Hesse: Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, und eine Last fallen lassen dürfen, die man lange getragen hat, das ist eine köstliche, eine wunderbare Sache. Der Abend der Entspannung gehört genauso wie der Morgen der Aktivität seit dem ersten Schöpfungstag zum runden Leben dazu. Er hat auch so etwas wie Erfüllung, Zufriedenheit und Glück. Weil man doch - jedenfalls an den meisten Abenden - auch auf ganz gute Tages-Erfahrungen und -Erlebnisse zurückschauen kann. Und weil man wieder einen Tag reifer und weiser - und vielleicht dabei auch ein bisschen gelassener geworden ist.
Der Dichter Jochen Klepper schrieb am 20.September 1940 in sein Tagebuch: Manchmal denke ich, weil ich die Kühle, das Abendwerden, den Herbst, das sich neigende Jahr so liebe, wird meine eigentliche Zeit vielleicht einmal das Alter sein. Und ich verstehe ihn. Das Alter ist ja auch so etwas wie ein Abend: Ein Lebens-Abend eben. Ich bin inzwischen ja auch nicht mehr der Jüngste und schaue an jedem Abend wieder neu auf dutzende Herbste und Jahresabende zurück. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Zum einen bin ich dankbar, dass ich durch die wilden und schwierigen Jahre meines Lebens eigentlich ganz wohlbehalten vom Himmel her geleitet wurde. Und - diese auch nicht unbedingt noch einmal erleben möchte.
Zum anderen darf ich mir Abend für Abend wieder deutlich machen, was sich da alles an Gutem im Laufe meines Lebens angesammelt hat, auf das ich mit Dankbarkeit, manchmal auch ein bisschen Stolz im Herbst meiner Tage zurückblicken kann. Wie wahr: Was haben die Jahre für mich nicht auch an Erfahrungen und Weisheit angesammelt, die ich als Sechsundzwanzigjähriger so längst noch nicht hatte.
Aber der Dichter Jochen Klepper geht ja sogar noch einen Schritt weiter: Er stellt die unterschiedlichen Lebensetappen nicht einfach gleichberechtigt nebeneinander, sondern vermutet sogar, dass seine eigentliche Zeit vielleicht einmal das Alter sein wird. Es gibt ja in der Tat unterschiedliche Menschentypen, manche, die sich mehr der stürmisch-unternehmerischen Jugend oder dem erfolgreich-gesetzten Mittelalter zuordnen. Wahrscheinlich könnte ich mich dem Lebensverständnis von Jochen Klepper gut einordnen. Ich habe auch das Gefühl: Auf die Sechzig zugehend ist eine gute Zeit. Ich brauche nicht mehr durch jeden brennenden Reifen zu springen, der mir hingehalten wird. Aber ich weiß auch, was ich kann und worauf ich mich für den Rest meiner Tage konzentrieren möchte. Übrigens lasse ich mich mit großer Neugier auch weiterhin von völlig neuen Erfahrungen gerne überraschen. Aber ich freue ich mich inzwischen fast jeden Abend dann doch auf das wohlige Gefühl, nach einem gelungenen Tag dem Körper im Bett seine Ruhe zu gönnen: Das Haupt, die Füß und Hände sind froh, dass nun zum Ende die Arbeit kommen sei. heißt es in einem Abendlied Paul Gerhardts.
Als der Dichter Theodor Fontane zum letzten Mal seinen Vater in der Schifferkolonie bei Neu-Tornow besuchte, bemerkte er über ihn: Wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich. Ob so nicht für jeden von uns die Kühle des Abends und die neigende Lebenszeit zum Anlass werden kann, noch ein bisschen mehr zu dem Menschen zu werden, den Gott von Anfang unseres Lebens an im Auge hatte? Natürlich spielt bei solcher Lebenserfüllung im Alter vieles wie Gesundheit und materielle Versorgung eine gewichtige Rolle. Dennoch darf man wohl gespannt darauf zu sein, was alles noch in uns schlummert und sich vielleicht gerade gegen Ende hin zu besonderer Klarheit und Reife entfalten darf.
Erfüllter Tag
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