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Kraft der Kleinen
Meine Schwiegermutter war in den 50ger Jahren fast völlig erblindet. Denn damals gab es noch keine Lasermethoden, Netzhautablösung zu heilen.
Jeden Mittwoch fuhr ich zur ihr hinaus nach Bonn-Buschdorf, um mit ihr einzukaufen und dann spazieren zu gehen. Durch Händedruck machte ich sie auf die Stufen der Bürgersteige aufmerksam. Und sie? Obwohl sie nur noch Hell und Dunkel zu unterscheiden wusste, machte sie mich auf so vieles aufmerksam, was mir gerade im Wege stand. Da erzählte ich ihr z.B. von Schwierigkeiten in meinem Studium - und sie hatte einen guten Rat, wie sie möglicherweise zu bewältigen wären. Oder ich ließ sie an Problemen mit Freunden teilhaben. Und sie spürte schnell heraus, was für Ursachen dahinter steckten.
In den Augen ihrer Umwelt war meine Schwiegermutter wohl weniger wert als andere. Man sagte es ihr nicht so offen. Aber sie spürte manchmal eine gewisse Geringschätzung. Weil sie ja nichts mehr so Rechtes zu leisten verstand. Der englische Dichter John Milton musste sich mit einem ähnlichen Schicksal auseinandersetzen. Als er nichts mehr sehen konnte, schrieb er ein Gedicht: Über meine Blindheit. Und nachdem er zunächst beklagt, dass er gerne noch Gott mit seinen Augen gedient hätte, findet er am Ende die versöhnenden Worte: Auch der dient ihm, der steht und auf ihn wartet.
Es gibt sie überall: Die Menschen in der zweiten oder gar dritten Reihe. Gern einmal übersehen. Gern einmal auch gering geschätzt. Der Kabarettist Erwin Grosche sagte einmal auf die Frage, warum er immer noch in Paderborn lebe: Weil ich dort den kleinen Leuten am nächsten bin. Und er meinte das gar nicht abfällig. Es erinnerte mich mehr an den Satz Jesu: Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn die Kleinen lagen auch ihm wohl ganz besonders am Herzen.
Unsere Gesellschaft hat da inzwischen wohl einen anderen Maßstab entwickelt. Da muss man schon stark, mächtig, schön und reich sein - am besten gleich alles zusammen - um anerkannt zu werden. Blinde Leute können da nur stören. Nun spüren inzwischen viele Menschen, oft gerade sensible Künstler, dass bei unserer Menscheneinschätzung einiges völlig falsch läuft. Denn oft sind es ja die Mächtigen und Reichen, die gerade nicht für andere mitdenken, sondern ihr Eigenwohl über alle und alles stellen. Der neulich, mit 91 Jahren verstorbene Schweizer Dichter Gerhard Meier schrieb in seinem Buch Land der Winde: Im Grunde genommen machen uns die Tüchtigen die Welt kaputt, nicht die Untüchtigen, nicht die Kranken. Und dem möchte ich eigentlich hinzufügen, dass oft genug die scheinbar Untüchtigen so unendlich viel zum menschlichen Umgang unter uns beitragen. Die Kleinen setzen nämlich andere viel weniger unter Druck, weil sie wissen, wie sehr der Mensch auf Liebe, Trost und Unterstützung angewiesen ist.
Wer sagt denn, so beschreibt die katholische Schriftstellerin Luise Rinser ihre Sympathie für die Kleinen, wer sagt denn, dass der Mensch nur etwas gilt in der Schöpfung, wenn er sie verändern will, tätig ist, tüchtig ist, sozial ist; darf es, muss es nicht auch die anderen geben, solche die nichts tun, die aufgehört haben sich wichtig zu machen, die auf Geld und Gut pfeifen, für die die Ehre die Ehre ist weiter nichts, und die auf ihre Weise Gott beim Wort nehmen, dass er seine Geschöpfe nicht verlasse, auch die nicht, die weder säen noch ernten?
Meine Schwiegermutter fand nach unseren Spaziergängen das Türschloss nie allein. Aber sie öffnete oft genug die Herzenstür anderer Menschen. Und so führte ich sie die Haustreppe hoch und erinnerte mich noch einmal an einen Text von Luise Rinser: Die Krankheit der Frau, die da mühsam an meinem Arm die Treppe hochsteigt, freilich, diese Krankheit ist ein Mangel an Gesundheit, aber sie wird sich im Ganzen dieses Lebens als unentbehrlicher Teil des Ganzen erweisen, in der es nur durch die Krankheit vorangebracht werden kann, bis es sich schließlich mit dem von Ewigkeit her bestehenden Entwurf deckt. Und vielleicht erweisen sich einst die Fehlformen als die allerbesten, wertvollsten, wie bei den Briefmarken, wer weiß.
Kraft der Kleinen
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