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Weisheitsmenschen
Bad Honnef liegt im äußersten Süden von Nordrhein-Westfalen. Hier fängt das liebliche Mittelrheintal an. Da gibt es viele Häuser für ältere Menschen.
Die heißen dann Parkresidenz oder so ähnlich. Von der Uferstraße biege ich an einem schlossähnlichen Schulgebäude vorbei nach links ab. Ich bin auf dem Weg zu meinem alten Hochschullehrer. Professor Wolfgang Schrage. 1974 bin ich ihm das erste Mal begegnet. Da lehrte er mit trockenem Hagener Akzent Neues Testament, genauer den 1.Korintherbrief. An der Universität Bonn. Die Vorlesungsmitschriften habe ich immer noch. Wenn ich etwas nicht weiß, blättere ich sie heute noch durch. Eigentlich wäre das gar nicht nötig, denn sein Korintherbriefkommentar ist inzwischen in vier Bänden mit insgesamt 2000 Seiten erschienen.2000 Seiten. Ein Lebenswerk.
Ich bin heute zu ihm unterwegs, weil er mir in den letzten Band eine Widmung für mein Leben schreiben soll. Als Erinnerung. Ich wünsche mir, so sage ich ihm nach der Begrüßung wörtlich Etwas schönes Frommes. Professor Wolfgang Schrage überlegt nicht lange. Dann schreibt er - natürlich auf Griechisch, denn das Neue Testament ist ja auch in Griechisch verfasst - Ek morous ginoskomen. Für Max Koranyi mit allen guten Wünschen. Wolfgang Schrage Erst zu Hause schlage ich die Stelle nach, was sie eigentlich bedeutet. Ahja, das steht es: Unser Wissen ist Stückwerk.1.Korinther 13,9. Ich meine, das muss man sich jetzt einmal vorstellen: Da schreibt ein Professor 2000 Seiten über ein einziges Biblisches Buch und am Ende bleibt: Unser Wissen ist Stückwerk.
Nicht alle Menschen gelangen zu dieser Einsicht. In Bad Honnef gibt es sicherlich ganz viele Senioren in den Residenzen, die der Ansicht sind: Ich weiß eigentlich alles. Ich habe alles erlebt. Für mich gibts nichts Neues mehr unter der Sonne. So ein älterer Mensch ist mein Professor nicht. Ich glaube, gerade weil er sich sein Leben lang mit Gott und dem Heiligen Buch beschäftigt hat, weiß er, wie wenig man letzten Endes wirklich von dem Geheimnissen Gottes und der Welt versteht. Natürlich hat er sich fleißig darum bemüht, einiges davon zu entschlüsseln. Aber am Ende schreibt er in mein Buch: Unser Wissen ist Stückwerk.
Menschen, die alles zu wissen meinen, sind mir suspekt. Sie übernehmen sich. Und bleiben oft genug recht oberflächlich. Nur Gott allein kann alles wissen. Niemals ein Mensch. Und wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, sich jetzt einmal umschauen, dann werden Sie merken: Gerade die großen Geister der Welt wissen um ihre Grenzen Bescheid. . Als der Theologe Rudolf Bultmann in Marburg mit großen Lobeshymnen von seinem Lehramt verabschiedet wurde, da hat er sich vor das Mikrophon gestellt und nur zwei biblische Sätze zitiert: Einen aus dem Alten Testament von dem Erzvater Jakob: Ich bin allzu gering der Barmherzigkeit und Treue, die Du, o Gott, mir hast widerfahren lassen Und einen aus dem Neuen Testament, bezeichnenderweise auch von Paulus: Was hast du, das du nicht empfangen hast? So reden große Menschen.
Auf der Rückfahrt von Bad Honnef fällt mir dazu noch ein altes Kirchenlied von Tobias Clausnitzer dazu ein. 1663 hat er es gedichtet: Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis verhüllet, wo nicht deines Geisteshand uns mit hellem Licht erfüllet; Gutes denken, tun und dichten, musst du selbst in uns verrichten.
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