Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.04.09, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Jessica

O-Ton 1:(…) Von der Grundschule aus sollte ich auf die Realschule. Da hab ich das dann aber nicht geschafft. Und dann bin ich auf die Hauptschule gegangen.

Von der Hauptschule wollte ich meinen Realschulabschluss nachmachen. Bin dann auf die Abendrealschule gegangen. Da hat’s leider nicht geklappt. Dann bin ich ein Jahr arbeitslos gewesen. (...)

Autor: Lebensweg, Bildungsweg, Leidensweg. Meine Schülerin Jessica hat auf ihrem Weg manche Enttäuschung aushalten müssen. Manchen Rückschlag, manchen zerplatzten Traum. Hat jahrelang mit dem Gefühl gelebt, regelmäßig zu versagen. Jedenfalls in so wichtigen Dingen wie Schule. Und hat doch dabei immer versucht, auch im Negativen noch etwas Positives zu entdecken:

O-Ton 2: In dem Zeitraum hat mich das nicht so beschäftigt, da ich meine Mutter pflegen musste, da die krank geworden ist – also war das in der Zeit schon besser, dass ich arbeitslos bin, als wie wenn ich arbeiten gegangen wäre.

Autor: Jessica hat erfahren müssen, dass mit einem Hauptschulabschluss in unserem Land auf dem Arbeitsmarkt keine große Auswahl mehr besteht, kaum eine Möglichkeit, sich etwa einen Ausbildungsplatz nach eigenen Interessen zu wünschen:

O-Ton 3: Also die vom Arbeitsamt, die haben mich angerufen und haben gesagt, dass ich jetzt langsam irgendwas machen sollte. Und dann haben die mir das im Prinzip einfach gesagt, ich soll dahingehen, egal, ob ich das machen wollte oder nicht. Weil irgendwann, wenn man die ganze Zeit arbeitslos ist, muss man irgendwas machen. (…)

Autor: Und so hat sie „irgendwas“ gemacht. Genauer: eine Ausbildung zur Maler- und Lackiererin bei einem Bildungsträger. Eine Ausbildung ohne Ausbildungsbetrieb quasi, bei einer Institution, die nach Kräften versucht, Jugendliche für den eigentlichen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Gerade diejenigen zu fördern, die sonst keinen Ausbildungsplatz finden. Das ist :

O-Ton 4: Wie ne ganz normale Ausbildung. Das ist halt nur, dass man im Schulischen mehr gefördert wird und dann hat man noch so ne Sozialarbeiterin, die für einen da ist. Halt n bisschen mehr so – wie soll ich das beschreiben – für Leute, die’ s nicht ganz so einfach haben.

Autor: Leute, die’s nicht ganz so einfach haben. Über Jahre hatte Jessica es überhaupt nicht einfach. Zu große Klassen, zu wenig Lehrer, um gerade die Schwachen zu fördern. Somit geringe Chancen auf schulische  Erfolgserlebnisse. Dabei brauchen gerade Schülerinnen wie Jessica aus sog. „schwierigen Verhältnissen“ so viel persönliche Ansprache und Betreuung. Damit sie das Gefühl haben , auch „wichtig“ zu sein. Gehört zu werden. Kein Wunder, dass Jessica an ihrem Arbeitsplatz besonders die Sozialarbeiter schätzt:

O-Ton 5: Dass einer da ist, der einem zuhört und dann auch, wenn’s einem nicht so gut geht, der das dann auf einer Seite schon eher versteht, als wie jetzt einer aus’m Betrieb (…) Also wenn’s da jetzt z.B. Stress in der Familie gibt oder so was und es geht einem dann nicht so gut, (...) dann verstehen die das schon eher (...) das sind so wie, bisschen so wie Psychologen so. Die dann auch mit einem reden und so und versuchen, das dann alles zu klären und so.“

Autor: „Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen “ sagte der Prophet Jesaja vor gut zweieinhalbtausend Jahren. Mir scheint, dass Jessicas Geschichte das auch heute noch genau bestätigt: Es muss dafür gesorgt werden, dass die, „die’s nicht ganz so einfach haben“ Hilfe bekommen. Diese Hilfe ist oft eine ganz einfache: Zuhören zum Beispiel. Jemanden zu Wort kommen lassen. Eben den Hungrigen ein Herz finden lassen und den Elenden sättigen. Bei Jessica wirkt das so:

O-Ton 6: Aber wenn jetzt z.B. keine Ahnung, ich sag „zuhause läuft’s nicht gut oder so“ – dann setzt die sich dann halt mit mir da hin und spricht mit mir da darüber. Das sind dann schon mal eine Stunde oder so, die dann verloren gehen von der Arbeit. Aber dann fühlt man sich danach besser, weil man darüber gesprochen hat.

 

Audiobeitrag Jessica


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