Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.04.09, Pfarrer Martin Vogt

Missraten

Sie nimmt die Schere in die Hand. Und merkt, wie sie nervös wird. „Bei dem kannst du’s mal versuchen“, hatte der Chef gesagt. „Den kenn’ ich, der ist ganz friedlich.“

Da sitzt er also, ihr erster Kunde. Ein kleiner Junge, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Er guckt fröhlich in den Spiegel und sieht zu ihr herüber. Das ist der erste Mensch, dem sie allein die Haare schneiden soll. Also los.

Sie schneidet erst mal oben am Kopf. Da fühlt sie sich relativ sicher. Und es klappt auch alles. Dann beginnt sie mit den Haaren an der rechten Seite. Davor hat sie ziemliche Angst. Wenn er jetzt plötzlich den Kopf bewegt, kann es sein, dass sie ihm ins Ohr schneidet. Aber alles geht gut. Auch an der linken Seite.

Als nächstes nimmt sie sich den Hinterkopf vor. Der Junge hält tatsächlich erstaunlich still. Er beugt sich sogar artig nach vorne, als sie seine Nackenhaare schneiden will. Leider gerät ihr der Schnitt an einer Stelle etwas schief.

Die Anspannung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Aber keiner merkt etwas davon. Heute sind so viele Kunden im Laden, dass jeder alle Hände voll zu tun hat. Auch der Chef hat keine Zeit, um mal nach ihr zu sehen. Nur der Junge guckt immer noch fröhlich.

Jetzt muss er allerdings die Augen zu machen, denn sie möchte seinen Pony schneiden. „Das kitzelt!“ sagt er, als die Haare herunterfallen. Nun wackelt er auch ein bisschen, weil er sich an der Nase kratzen will, und prompt missrät der Pony. Der ist so schief, den muss sie noch mal machen. Leider hat sie schon ziemlich viel abgeschnitten. Nun werden seine Haare vorne sehr kurz.

„Hoffentlich kommt jetzt nicht der Chef“, denkt sie, während sie den zweiten Versuch startet. Tatsächlich kommt der Chef erst, als auch dieser Versuch völlig missraten ist. Da der Laden voller Kunden ist, kann er nicht viel sagen. Er nimmt ihr einfach die Schere weg und versucht, die übrig gebliebenen Haare halbwegs in Form zu bringen. Ihr ist total elend zumute. Als der Chef mit dem Jungen fertig ist und der Kleine fragt, was das kostet, murmelt der Chef nur: „Ist schon bezahlt.“

Sie steht daneben und weiß, dass sie’s vermasselt hat. Es ist ihr total peinlich. Und gleichzeitig hat sie Angst: Was ist, wenn sie jetzt hier nicht weiter arbeiten kann? Wenn sie die Ausbildung abbrechen muss? Oder wenn der Chef ihr ein miserables Zeugnis schreibt? Während ihr diese Fragen durch den Kopf schießen, sagt der Junge: „Cool! Endlich hab’ ich die Haare so kurz wie mein Bruder!Danke!“ Und weg ist er.

Als die Tür zufällt, muss sie erst mal tief durchatmen. Der Chef sieht auch ziemlich erleichtert aus. „Ein Glück, dass wir nicht alle denselben Geschmack haben“, meint er und geht nach hinten. „Ja,“ denkt sie. „Ein Glück. Manchmal kommt es nicht nur anders, sondern besser, als man denkt.“

Audiobeitrag Missraten


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