Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.04.09, Christiane Birgden

Amoklauf

Morgen um 17 Uhr veranstalte ich genau hier einen Amoklauf, brüstet sich ein vielleicht 15 Jähriger, um sich dann kichernd mit drei -

vier Gleichaltrigen durchs Einkaufszentrum zu schieben. Es sind nur wenige Tage nach dem Amoklauf von Winnenden.

Töten fasziniert. Wer tötet oder androht, jemanden zu töten, fühlt sich mächtig. Nur eine kleine Fingerbewegung am Abzug einer Pistole kann ein Leben von einem Moment auf den Anderen zum Stillstand bringen.

Gut, dass ich Rosi hatte. Rosi war eine meiner Erzieherinnen im Kindergarten, schon ein bisschen älter, nicht sonderlich gebildet, aber das Herz am rechten Fleck.

Als wir Jungs uns auf dem Hof einmal damit brüsteten, Käfer „tot gemacht“ zu haben, kam sie mit uns, um sich die Sache anzusehen. Als Herren über den Tod fühlten wir uns unheimlich verwegen und groß und erwarteten, Rosi nun mächtig geschockt zu haben.

Aber Rosi blieb ganz ruhig und sagte nur: Gut, ihr habt sie getötet. Dann macht die Käferchen mal wieder lebendig. Damit lies sie uns stehen. Wir konnten es nicht.

Seitdem empfinde ich jemanden der tötet nicht mehr als mächtig. Töten ist einfach. Töten ist keine Kunst. Weil wir aber nicht zum Leben erwecken können, dürfen wir nicht töten.

Sprecher: Michael Birgden

 

Audiobeitrag Amoklauf


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