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Segensland
Wir waren viel zu spät dran. Schon brach die Dämmerung herein, als wir die Autobahn in Richtung der Vogesen verließen.
In der Rue des Bonnes Gens, Straße der guten Leute, stürmte ich die Außentreppe hoch, aus Angst, die Vermieterin könnte nicht mehr mit unserem Ankommen gerechnet haben. In der Hand hielt ich die abgezählten 235 Euro. So viel kostete schon seit Jahren die Woche in der umgebauten Scheune. Oben am Tor gab es keine Klingel. So klopfte ich hinten am Haus an ein Fenster. Ein Mann schreckte im Lehnstuhl hoch. Dann kam Madame de Riz an die Tür. Wir sind da, sagte ich atemlos, und hier ist die Miete! Erstaunt sah mich die Elsässerin an. Und sagte dann in ihrem Elsässerdeutsch: Aber heute ist doch Sonntag. Da machen wir keine Geschäfte. Sprachlos und übermüdet drückte ich ihr trotzdem die Scheine in die Hand und ließ mir den Wohnungsschlüssel aushändigen. Und habe mich geschämt.
Eigentlich hätte ich alles besser wissen müssen. Schon auf der Durchfahrt durch die Elsass-Dörfer fiel uns ja auf: Obwohl alle knapp vor der Weinlese standen, keine Geräusche, keine Hektik, keine Autos. Nur das Glockenschlagen der Kirchturmuhr. Im Viertelstundentakt. Und ein Schild, dass sich Mittelbergheim zu den 100 schönsten Dörfern Frankreichs zählen darf. Vielleicht nicht nur wegen der roten und gelben Weingüter aus dem 16 und 17. Jahrhundert. Sondern weil es ganz einfach am Sonntag keinen Krach gibt. Und kein Geld angefasst wird.
Wenn am Sonntag keine Geschäfte gemacht werden, dann geraten die Wochentage umso bunter und fruchtbarer. Ich meine jetzt nicht nur die Elsässische Küche und den Elsässischen Wein. In der Ruhe der Weinorte haben sich über Jahrhunderte Kräfte gesammelt, die am Ende die ganze Welt verändert haben. Im dortigen Dörfchen Kaysersberg z.B. ist Albert Schweitzer zur Welt gekommen. Ein brillanter Theologe, ein begnadeter Musiker, ein großer Arzt. Vor allem aber einer, dem die Ruhe seiner Heimat die Ehrfurcht vor allem Leben fast spielerisch beibrachte.
Im 18. Jahrhundert war das Steintal im Elsass eine Gegend, in der die meisten Erwachsenen hungerten und schon gar nicht lesen konnten Im dortigen Wildersbach gibt es eine winzige Dorfkirche, die noch heute ihren Kanonenofen mit Holzscheiten heizt. Die Kanzel ist hoch und direkt hinterm Altar. Auf ihr stand 40 Jahre lang der fromme Pfarrer Johann Friedrich Oberlin. Und redete nicht nur, sondern richtete für verwahrloste Kinder Strickschulen ein. Unter dem Motto Nichts ohne Gott, alles für den Heiland. Darunter fielen im übrigen auch Brückenbau und Sparkassenwesen. Da er auch guten Kontakte zu Katholiken hatte, nannte er sich selber einen kath.-ev. Pfarrer. Und unterstützte darüber hinaus die Freiheitsgedanken der französischen Revolution. Hat immer den Sonntag geheiligt, indem er für alle Gemeindeglieder an diesem Tag nichts anderes tat, als für sie zu beten. Der schizophrene Dichter Lenz, in der Novelle von Georg Büchner beschrieben als durchs Gebirge wandernd , fand bei ihm Verpflegung und Trost. Später entstand in Potsdam ein Oberlinhaus für Schwerstbehinderte. Im Bundesstaat Ohio in den USA wurde die Stadt Oberlin mit einem berühmten College nach ihm benannt. Und das alles war aus dem ruhigen, stillen Elsass hervorgewachsen.
Heute ist Sonntag. Da machen wir keine Geschäfte. In den elsässischen Dörfern spürt man heute noch den Segen dieser Erkenntnis.
Segensland
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