Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.04.09, Christiane Birgden

300 zu 20

Vor ein paar Wochen war ich mit meiner Freundin zu einer Autorenlesung auf einem Schiff. Wir waren ein bisschen zu früh, aber die ersten warteten schon beim Schiffsanleger.

Bald füllte sich der Platz und die Leute bildeten - ganz selbstverständlich - eine Schlange. Das gebot einfach die Höflichkeit. Niemand wagte es, sich von der Seite anzustellen. Vielleicht hat Benehmen ja doch was mit Bildung zu tun, schließlich standen wir ja alle für eine Autorenlesung an.

Inzwischen war die Schlange auf bestimmt 300 Leute angeschwollen. Doch auch die spät dazugekommenen latschten brav an der ganzen Schlange vorbei und stellten sich hinten an. Ich war fasziniert und träumte schon von einer besseren Welt, in der der eine auf den anderen Rücksicht nimmt, ohne Regeln und Aufpasser.

Dann, kurz nach acht, wurde die Absperrung zum Schiff geöffnet und - wie aus dem nichts - kamen vielleicht 20 Leute, die sich schnurstracks seitlich an der Schlange vorbeimogelten und sich beim Einlass mit hinein drängten. Ein junger Mann toppte das noch, indem er sagte: Ich bin doch nicht so blöd, mich dahinten anzustellen.

Mich hat das total aufgeregt. Noch auf dem Schiff war ich am Kochen über so viel Rücksichtslosigkeit: 300 Leute stellen sich hinten an und warten, und 20 Schnösels  meinen das nicht zu müssen, drängeln sich einfach vor! Sag mal, regt dich das nicht auf?, sagte ich zu meiner Freundin.

Du schaust auf die 20, die sich rücksichtslos verhalten haben,  sagte sie, ich schaue auf die 300, die sich korrekt verhalten haben. 300 zu 20 - das ist doch eigentlich ein guter Schnitt!

Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag 300 zu 20


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