Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.04.09, Pfarrer Eberhard Helling

...und die Mauern bewegen sich doch

Autor: Es soll ja möglich sein, mit Klängen Gläser zerspringen zu lassen und Steine zu erweichen.

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Eberhard Helling und ich bin Pfarrer aus Lübbecke. Seit vielen  Jahren spiele ich Trompete, aber mit meiner Musik habe ich noch nichts zum Einsturz gebracht. 

Das  Alten Testament erzählt von der Kraft, die von Trompeten und Posaunen ausgehen kann. Es ist die Geschichte von den Posaunen von Jericho. Das Volk Israel zog Jahre durch die Wüste. Endlich was das gelobte Land zum Greifen nahe. Sie mussten nur noch über den Jordan. Doch da türmten sich die Mauern der Stadt Jericho. Kein Weg führte daran vorbei, keiner hindurch. Eine Sackgasse. Wie und wo sollte es weitergehen? Da nahmen die Priester ihre Posaunen. Und zogen um die Stadt. Sieben Tage lang bliesen sie gegen Steine an. Das haben die Mauern von Jericho nicht ausgehalten...

Musik unterlegt: Joshua fit the battle (Harmonic brass, Some more specials , Track 10; hänssler classic CD – NO: 98.177) 

In unseren Tagen steht das Volk Israel nicht vor einer undurchdringlichen Mauer; heutzutage hat der Staat Israel eine Mauer als „Sicherheitszaun“ selbst aufgebaut, um sich vor Selbstmordattentätern zu schützen – so die offizielle Lesart. Diese Mauer wird seit sieben Jahren durch das Gebiet der Palästinenser in der Westbank gebaut. Sie durchschneidet Ländereien, die vor ein paar Jahren noch landwirtschaftlich genutzt wurden. Und landwirtschaftliche Fläche ist knapp in Palästina. Diese Mauer bewirkt, dass ein geregeltes Leben in der Westbank nicht möglich ist. Die Leute, die ihr Land aufbauen wollen, stellt sie Tag vor Tag erhebliche Schwierigkeiten. Sie kommen mit ihren Waren nicht durch die Mauer hindurch. Hinzukommen noch die wechselnden Straßenkontrollen des israelischen Militärs.

Atmo unterlegt Schulgeräusche

Hinter der Mauer, auf der palästinensischen Seite liegt die christliche Schule Talitha Kumi. Es ist ein großes helles Gebäude auf einem Hügel, umgeben von einem kleinen Wäldchen mit niedrigen Kiefern – und Olivenbäumen. Hier kommen jeden Tag fast 800 Schülerinnen und Schüler aus dem Raum Bethlehem zusammen, Christen und Muslime. Christen leben hier schon seit fast 2000 Jahren, Muslime sind später dazu gekommen. Jetzt sind sie die Mehrheit. Da hat eine christliche Schule einen besonderen Stellenwert. Hier erfahren christliche und muslimische Jugendliche, wie nach christlichen Vorstellungen das Zusammenleben gelingen kann.  Eine wichtige Lebenslektion für Heranwachsende, die seit ihrer Kindheit in einem Ausnahmezustand leben. Der beginnt schon beim morgendliche Schulweg. Können wir rechtzeitig durch die Kontrollen kommen? Wo stehen heute die Straßensperren? Die Schule hat einen deutschen Schulleiter, Dr. Georg Dürr. Ein nachdenklicher Mann, der schon viel in der Welt herumgekommen ist. Er hat Schulen in Südafrika, in Namibia und natürlich in Deutschland geleitet. Jetzt sorgt er sich um seine Schüler in Palästina:

Dürr: Die Schüler leiden unter dieser Situation im Gefängnis, sie können sich nicht bewegen, die Gefahr ist sehr groß, dass sie immer gegen die Mauer denken und dass sie immer dieser Gefängnissituation bewusst sind.

Autor:  Vor zwei Jahren habe ich diese Schule wieder einmal besucht. Damals waren Bläser aus ganz Deutschland mit dabei, eine Gruppe von 17 Männern und Frauen vom Bodensee bis zu Nordseeküste. Wir haben in dieser Talitha Kumi ein Konzert gegeben. Die wenigsten Schüler kannten Blechblasinstrumente.  In den palästinensischen Kirchen gibt es keine Posaunenchöre wie in vielen evangelischen Gemeinden in Deutschland. Die Musik, die wir gemacht haben war für sie fremd und faszinierend. Bei den klassischen Stücken haben sie aufmerksam zugehört; wenn wir modernere Sachen gespielt haben, Gospels oder Jazzstücke, dann standen sie auf den Stühlen und haben mitgeklatscht. Ein Funken sprang über und die Idee war geboren:  Wir werden  den Schülern von Talitha Kumi das Blasen auf Trompeten und Posaunen beibringen.

Musik unterlegt: Joshua fit the battle (Harmonic brass, Some more specials , Track 10; hänssler classic CD – NO: 98.177) 

Wie das geht? Das wussten die Bläser, die damals mit dabei waren auch nicht so genau. In der Zwischenzeit haben sie einen Verein gegründet: „brass for peace“ – Bläser für den Frieden. In diesem Verein sammeln sich Leute, die wissen wollen, wie die Lage in Israel ist. Die mehr wissen und verstehen wollen, als sie aus zweiter Hand erfahren könnten. Immer wieder   fahren nun  Bläsergruppen dorthin  und sprechen mit den Menschen, die dort leben. Sie geben Konzerte, kommen mit ganz verschiedenen Leuten in Kontakt und erfahren im Alltag, unter welchen Bedingungen Israelis und Palästinenser leben.

Von einander wissen ist das eine, dass andere ist das gemeinsame musizieren. Deswegen organisiert der Verein Brass for peace auch die Bläserausbildung an der Schule.

Die  Schülerinnen und Schülern in Talitha Kumi sind mit Feuereifer bei der Sache, ihr Blechblasinstrumentes zu erlernen. Sie freuen sich auf ihre freiwilligen Lehrer und Lehrerinnen, die aus Deutschland anreisen. Dr. Dürr, der Schulleiter von Talitha Kumi ist selbst ein begeisterter Musiker und er weiss, welche Möglichkeiten im gemeinsamen Musizieren stecken.

Dürr:  Wir müssen neue Dimensionen für unsere Kinder erschließen und da ist Musik eine Dimension, die sehr viel Kraft gibt und die nach vorne schaut. Wer sich in der Musik verwirklichen kann, der lernt zu hören , der lernt auch das zu erfahren, was sich ereignet, wenn sich Stimmen vereinen.

Autor: Wie kein anderer wusste Johann Sebastian Bach, wie es sich anhört, wenn  Stimmen sich vereinen. Erst die eine , dann eine zweite mit ganz ähnlicher Melodie, eine dritte und vierte Stimme kommt dazu – und es klingt...

Musik  Bach , Contrapunctus 1, (Embrassy , 3: SonArte SP 11 – P 1997)
 
Autor: 
Ich frag mich oft, ob dieses ganze Unternehmen, das wir mit Brass for Peace angefangen haben nicht ziemlich verschroben ist. Mit Blechblasinstrumenten in Israel / Palästina Frieden schaffen, die Mauer verschwinden lassen? An der Frage, wie im „Heiligen Land“ Frieden werden kann, haben sich schon ganz andere Leute die Zähne ausgebissen. Kinder sollen Trompete oder Posaune spielen lernen und das soll in ihnen die Fähigkeit zum friedlichen Miteinander stärken? Schulleiter Dürr meint, das schon beobachten zu können.

Dürr:  Erstaunlich ist für mich, gerade bei den Trompeten, dass einige der größten Querulanten in der Schule zu diesem Instrument gegriffen haben und dass die sich plötzlich anstellen und dem anderen zuhören, warten bis der gestimmt hat und dass sie ansprechbar sind, wie sie ohne das Instrument nicht ansprechbar waren.

Autor:  Natürlich ist das noch die Begeisterung des Anfangs in einem neuen Projekt. Und natürlich wird es darauf ankommen in den nächsten Jahren verlässliche Strukturen aufzubauen; Lehrerinnen und Lehrer zu finden, die sich darauf einlassen wollen, in  Palästina Blechblasinstrumente zu unterrichten. Bis dahin gilt es noch ganz alltäglich Schwierigkeiten zu überwinden. Die Sprachschwierigkeiten zum Beispiel. Unterrichtssprache ist Englisch, Muttersprache der Kinder arabisch. Sie werden also mit ihren 10, 12 Jahren in einer Fremdsprache für sie unterrichtet. Auf die Frage, wie lange der 10 – jährige Saher schon Trompete spielt,  antwortet er:

Saher:   twothausend and thirtytwo!

Autor: Ich weiss nicht, was Saher uns mit der Zahl 2032 sagen wollte. Die hochmotivierte Lehrerin, Monika Hofmann, Professorin für Posaune aus der Hochschule für Kirchenmusik in Herford konnte daraufhin nur noch fragen: Willst du noch einmal spielen? Und ob Saher wollte..

Monika: Do you want to play once more? … (Posaunensolo von Saher)

Autor: So hört es sich nach 6 Wochen an, wenn ein begeisterter Junge Posaune lernt. Da hilft nur üben, üben, üben. Vielleicht fallen dann einmal die Mauern, die heute so unüberwindlich dastehen.

Musik: Joshua fit the battle (Harmonic brass, Some more specials , Track 10; hänssler classic CD – NO: 98.177)  

Autor:  Quasimodogeniti, so heißt der Sonntag heute. Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder. So unbekümmert, so frisch soll die Hoffnung sein, die von der Auferstehung Jesu kommt.

Ein Glaube, der darum weiss, dass selbst tonnenschwere Grabsteine verrückt werden können. Die Bläser von „Brass for Peace“ hoffen in dieser Art bewusst kindlich-inständig auf den Frieden in Israel und Palästina.

Ich weiß, wie hoffnungslos viele Experten die Situation im Heiligen Land, in  Israel / Palästina sehen. Am kommenden Dienstag begehen in Israel viele Menschen den Gedenktag der Shoah, den Gedenktag an die Massenvernichtung von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus; dann wird wieder deutlich, wie sehr gerade in Israel die Wunden der Vergangenheit das gegenwärtige Leben prägen.  Und auch die arabische Bevölkerung ist bis heute von den Erfahrungen der vielen Kriege und der Vertreibungen bestimmt. Hoffnung für das „Heilige Land“, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern? In den Gottesdiensten wird heute ein Text aus dem Jesaja gelesen, der gerade für dieses Land eine unauslöschliche Hoffnung verspricht:

Sprecherin:  Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber“? – Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HErr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40, 27-31)

Autor:  Kraft den Müden, Stärke den Unvermögenden. Ohne irgendeine Form des Beschönigens oder Verschleierns redet die Bibel von Leuten, die müde und kaputt, die mit ihrem Latein am Ende sind. Wie viele Menschen sind an dieser Frage: Frieden für Israel und Palästina nicht schon müde geworden; viele können die grauenhaften Bilder von Selbstmordanschlägen und Kriegszügen, die uns über die Nachrichten aus dem Heiligen Land erreichen nicht mehr sehen. Viele kluge Leute haben sich schon  ausgedacht, wie der Friede zwischen den verfeindeten Menschen aussehen könnte – aber sie schaffen es nicht, ihre Ideen umzusetzen – bis jetzt noch nicht. Oft ist es zum Verzweifeln.

Nur das eine geht nicht: dass wir in das selbe Horn von den Leuten hineinstoßen, die so genau wissen, dass es da unten so wie so niemals Frieden geben kann, weil... und dann kommen intelligente und merkwürdige Begründungen. Woher wissen diese Leute das so genau?

Ich werde weiter auf Frieden im Heiligen Land hoffen. In das Horn von der Unversöhnlichkeit der Religionen werde ich nicht hineinstoßen. Lieber in das von Richard Natho. Er ist 19 Jahre alt, spielt mehrere Instrumente und macht in Talitha Kumi gerade seinen Zivildienst. Er ist für die nächsten Monate der Mann vor Ort von Brass for peace. Denn er unterrichtet die Kinder in der Schule Talitha Kumi auf Trompeten und Posaunen. Jeden Tag bekommt er mit, wie das Leben der jungen Menschen in Palästina vor nahezu unlösbaren Fragen steht. Welche Ausbildung hilft, um das Leben in komplizierten Verhältnissen zu bestehen? Oder liegt die Zukunft im Ausland, in Europa, in Amerika? Und die Musik, was bedeutet sie?

R. Natho:  Es geht um Toleranz, um das Zusammenspiel; darum, zu hören, was der andere spielt , was man selber spielt und das alles in ein harmonisches Gesamtbild zu bringen.

Autor: Das die jungen Bläsern in der Schule Talitha Kumi in der Westbank eine Zukunft vor sich haben, dafür setzen sich immer mehr Menschen ein; der Schulleiter, die Vereinsmitglieder, Leute aus Kirchen, die den Verein brass for peace unterstützen.  Wann es zu einem harmonischen Gesamtbild im ganzen Heiligen Land kommen wird, weiß ich nicht. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass der Tag kommt. Denn stellen sie sich einmal vor: so viele berührt der Konflikt zwischen Israel und Palästina, wie viele werden erst berührt werden, wenn es dort Frieden gibt.

Ich wünsche ihnen, liebe Zuhörer einen schönen Sonntag Quasimodogeniti: wie die neugeborenen Kinder. So frisch soll unsere Hoffnung sein. Eberhard Helling, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde aus Lübbecke

Musik:  Nyman, Michael, CD: Drowning by numbers
Titel: Sheep and tides

nähere Informationen zu „Brass for Peace, e.V.“ unter:  www.brass-for-peace.de

Audiobeitrag ...und die Mauern bewegen sich doch


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