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Ostern ohne Happy-End?
Frohe Ostern, liebe Hörerin und Hörer. Ich heiße Michael Opitz und bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf.
Ostern das ist der Hase, der die Eier bringt, und großes Fenster- und Hausputzen vorher, und viele Gäste, die gerade noch so eben an den schön gedeckten Tisch mit den Forsythien passen. Ostern das sind endlich wieder ein paar ersehnte freie Tage. All das und noch viel mehr ist Ostern. Und dieses "viel mehr" ist das, was an Ostern geschehen ist. Da ist eben auch die Sache mit Jesus.
Musik: Esbjörn Svensson, O.D.R.I.P.
Was die Bibel von Ostern erzählt, ist so anders als all unsere Erfahrungen, dass es uns leicht sprachlos machen kann. So sprachlos, wie die Frauen waren, als sie weggingen vom leeren Grab.
SPRECHERIN: Markus 16, 1-8 1 Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sehr früh am ersten Tag der Woche kommen sie zum Grab, eben als die Sonne aufging. 3 Und sie sagten zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? 4 Doch als sie hinschauen, sehen sie, dass der Stein weggewälzt ist. Er war sehr groß. 5 Und sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem langen, weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. 6 Er aber spricht zu ihnen: Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Siehe, der Ort, wo sie ihn hingelegt haben. 7 Doch geht, sagt seinen Jüngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.
Eine Ostergeschichte ohne Happy End. Keine Story von himmlischem Glanz und Gloria, sondern von irdischer Furcht und Zittern.. Und: Der Auferstandene tritt überhaupt nicht auf! Nichts führt zum Osterjubel: "Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!" Alles verliert sich in erschrockener Sprachlosigkeit.
Musik: Dire Straits, On Every Street
Ich erinnere mich noch gut an eine Podiumsdiskussion zweier Theologieprofessoren vor etlichen Jahren um die Auferstehung. Der eine kam zu spät und so begann der andere alleine. Steil, dogmatisch, wie Hammerschläge klangen seine Worte über die Auferstehung: "Wirklich", "optimal bezeugt", "das leere Grab beweist das Ostergeschehen... Und dann kam der andere, der verspätete Theologe. Betroffen, sehr persönlich begann er zu erzählen von einem Autounfall, dessen Zeuge er gerade auf seinem Wege geworden sei: Am Straßenrand das Unfallopfer, tot. Die nur leicht verletzte Ehefrau beugte sich über ihren Mann fassungslos. "Ob die Auferstehung wahr und wirklich ist, entscheidet sich in solchen Augenblicken", sagte der Theologe und begann von der Macht der Liebe zu spre¬chen, die nie am Ende sein kann, wenn es einen Gott gibt, und von dem Sieg des Lebens über den Tod.
Doch so fuhr er fort die geschockte Frau am Straßenrand hätte diese Botschaft wohl so wenig erreicht wie die drei Frauen in der biblischen Ostererzählung. Denn in Situationen wie dieser würden unsere trostreichen Worte meist nicht gehört, selbst wenn wir mit Engelszungen redeten.
Die ersten Osterzeugen haben uns also nicht viel voraus. Hilflosigkeit, Sprachlosigkeit angesichts des Freundes, der nicht mehr da ist.
Der Glaube an den Christus beginnt nicht mit einem fröhlichen Osterspaziergang, sondern eher mit einem Leichenbegängnis nach der traurigen Melodie: Lieber einen toten Freund als gar keinen! Verschont uns mit großen und sicheren Worten vom Sieg über den Tod und von Auferstehung, lasst uns wenigstens unsere Traurigkeit, sonst haben wir gar nichts mehr. Denn Ihn zukennen hieß: ihn zu lieben
Ganz so wie es Amy Winehouse im ihrem Lied beschreibt: To know him is to love him
Musik Amy Winehouse: To know him is to love him
Drei Frauen, die sich ihren Schmerz nicht auspredigen lassen. Sie sind dabei, sich damit abzufinden, dass es nun ohne ihren Freund und Meister irgendwie weitergehen muss, und sie wollen ihm an seinem Grabe einen letzten Liebesdienst tun. Es ist traurig, aber wahr: Alle Menschen müssen sterben!
Aber dann ist da der Stein weg, und das Wort kommt aus dem Grab ihnen entgegen: "Er ist auferstanden!" Man sollte meinen, das sei befreiend, aber nein, es ist zum Davonlaufen. Denn hier wird der Welt die letzte Gewissheit genommen, die sie hat: der Tod! Beunruhigend ist das, wenn in die sichere Todes-Ordnung dieser Welt eine Botschaft hereinbricht, die alles durcheinander bringt. Dann ist doch alles unsicher geworden! Nicht einmal auf dem Friedhof hat man seine Ruhe.
Stellen wir uns das doch einmal vor: Wir gehen vielleicht heute, am Ostermorgen zum Grab eines Menschen, den wir geliebt haben, und: Es ist abgeräumt und wir blicken ins Leere und es erklärt uns einer: "Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht mehr hier, er ist auferstanden!" Wie bei den drei Frauen würde so etwas auch bei uns eher einen Schock auslösen als österliche Begeisterung.
SPRECHERIN: " Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich."
Ende des Evangeliums! Ende der Ostergeschichte! Amen, aus - was uns betrifft! Wie menschlich!
Musik: Amy Winehouse: To know him is to love him
Manch einer kennt wohl so ein Verlöschen des Evangeliums in seinem eigenen Schicksal, ein Abbrechen der "frohen Botschaft" mitten im Alltag, weil alles auf einmal so anders verläuft, als man es sich ursprünglich vorgestellt hatte für sein Leben...
Doch eben in dieser ungeschminkten Erfahrung der Frauen steckt die Osterbotschaft der Freude. Eine unscheinbare, leicht zu überhörende Frage der Frauen im Blick auf den Felsblock bringt uns auf die Spur: "Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?" Oder wir heute würden vielleicht fragen: Wer verschafft uns den freien Durchblick zu Gott, zum Himmel, zum ewigen Leben? Ja, wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? ---
Antwort: Niemand! Kein Mensch, kein Glaube, keine Religion kann diesen Stein des letzten, tödlichen Anstoßes aller Menschen wegwälzen "Er war sehr groß", heißt es im Evangelium. Und doch war der Stein plötzlich weg! Wie kann das geschehen?
Martin LUTHER erklärt dazu:
SPRECHERIN: "Nicht für die frommen Frauen wurde der Grabstein wegge¬wälzt, denn das ist nicht Gottes Ostertat, dass wir ins Grab hineinkommen, um den Tod zu pflegen, sondern sich selbst zulieb hat er`s getan, ganz eins mit seinem auferweckten Sohn hat seine Liebe das Grab von innen aufgerissen. Darum merke: Nicht, wie du Gott im Tode findest, sondern wie er dich ins Leben zurückjagt, das machet das rechte Osterfest."
Was für ein Satz! Dieser Satz ist der Schüssel, der meine Tür zu Ostern zu öffnen vermag. "Nicht, wie du Gott im Tode findest, sondern wie er dich ins Leben zurückjagt, das machet das rechte Osterfest."
Ist das vielleicht die Mitte des Christusglaubens, das göttliche Ende all unserer vergeblichen Versuche, den Sisyphus-Stein wegzurollen, um mit eigener Kraft Gott und das Leben in den Griff zu bekommen? Das Grab des Sohnes - von Gott selbst aufgesprengt, mit dem Sprengstoff seiner Liebe. Und die Gräber unseres Lebens - von seiner mächtigen Liebe von innen her aufgebrochen, indem er uns in unser Leben zurück¬schickt.
Ich spüre, was Ostern bedeutet: Ostern als Gottes Machtwort und Gottes Machttat. Etwas ist für mich geschehen, was außerhalb meiner Vorstellungen und meines Vermögens liegt. Den Tod zu überleben das ist eben keine menschliche Möglichkeit. Wir erleben ja Tag für Tag in unserem Leben und in der Welt, wie grausam und ausschließlich der Tod noch immer unser Dasein beherrscht. Nur bei Gott hat er ganz und gar ausgespielt, weil der sich am Ostermorgen mit dem gekreuzigten Jesus identifiziert hat. In einem von uns hat Gott selbst den Tod überwunden.
Gott hat den Himmel, die Hölle, das Grab oder wo wir ihn sonst untergebracht haben endgültig verlassen, um im menschlichen Leben, Leiden und Sterben "wahrhaft auferstehend" dabei zu sein. Wir finden den Auferstandenen mitten in unserem Leben, in der vollen Diesseitigkeit des Lebens, wie es der Theologe Dietrich BONHOEFFER gesagt hat.
Und in diese Diesseitigkeit unseres Lebens werden wir mit den drei Frauen gewiesen:
SPRECHERIN: "Er wird vor euch hergehen nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen."
Dann aber zuletzt die Frage: Was und wo ist Galiläa, mein Galiläa?
Galiläa das ist der leise Ruf, der mich wegführt vom hilflosen Starren auf die leeren Gräber meiner enttäuschten Hoffnungen und gescheiterten Pläne Galiläa das ist der Engel, der heute in der Küche und morgen im Krankenzimmer und übermorgen am Schreibtisch oder am Fabriktor oder am Grab steht und allen Müden sagt: "Steh auf und sag es allen weiter, dass sie das Leben nicht hinter sich, sondern vor sich haben". Galiläa das ist dort, wo das Ende meines Lebens zum Anfang eines anderen und neuen Lebens wird. Galiläa. Wir alle leben dort und können dem Auferstandenen begegnen.
Ostern heißt: Mich vom Auferstandenen in meinem Galiläa finden und ins Leben zurückschicken lassen. Ich wünsche Ihnen einen frohen Ostersonntag, Ihr Michael Opitz von der Evangelischen Kirche.
Musik: Ketil Bjornstad, The Bridge
Ostern ohne Happy-End?
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