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Grabesruhe
Nun also das Grab. Der Tag danach. Nach Mord und Totschlag. Vom Kreuz genommen. Gewaschen. In Tücher gewickelt. In die Grabkammer gelegt. Stein davor. Aus und vorbei.
Tag des Grabes, der Grabesruhe. Karsamstag.
Ja, Karsamstag und nicht Ostersamstag. Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag gehören zusammen. Sie sind Höhepunkt und Abschluss der Karwoche. Sie binden zusammen, was an Hoffnung und Niedertracht im Leben passieren kann; in dem des Jesus aus Nazareth und in Ihrem und meinem.
Drei Tage, die es in sich haben, drei Tage, in denen wir alle Stationen von Verrat und Niedertracht, von Leiden und Sterben durchwandern. Bis wohin? Zu welchem Ziel? Wer weiß das schon jetzt. Nichts wissen wir außer dass wir Hoffnung haben wollen für etwas danach. Weil wir nicht wollen, dass Leid und Niedertracht, dass Schmerz und Elend das letzte Wort haben sollen. Weil wir nicht leiden wollen, weil wir uns in das Leben krallen wollen, das jung und unbeschwert nicht enden soll.
Aber heute ist Karsamstag, Tag des Grabes, der Todesruhe. Wo nichts mehr geht weil alles gestorben ist. Wo die letzten Kräfte verbraucht, der letzte Atemzug getan; wo die Illusionen von ewiger Jugend beendet werden, von unbegrenzter Leistungsfähigkeit, wo nichts übrig geblieben ist, als dass uns jemand herabholt von unserem Kreuz, unseren geschundenen Körper pflegt und unserer zu Tode gequälten Seele Frieden gibt, wo nichts mehr zu tun ist als das Einwickeln in Todeslaken und Ablegen in der Dunkelheit und Ruhen und Warten und Warten und Ruhen.
Wir sterben viele Tode in unserem Leben, nicht nur den einen, letzten und endgültigen. Die Kinder trennen sich von der allseitigen Umsorgung durch die Eltern, versuchen ein eigenes Leben. Das schmerzt auf beiden Seiten und natürlich stirbt da auch etwas. Die unbeschwerte Jugend, die es hoffentlich gab; und auch das kleine Familienglück.
Die Trennung nach langjährigen Beziehungen; der Verrat an der einmal beschworenen Liebe. Der endgültige Verlust des Partners, eines Kindes; Krankheiten, die hoffnungsvolle Träume zum Platzen bringen.
Ja, so ist das auf dem Weg zum großen Tod begleiten uns die vielen kleinen. Nutzt diese Erkenntnis etwas? Bewahrt sie uns davor, uns in eine finstere Ecke zu verkriechen, die Decke über den Kopf zu ziehen? Ein wenig vielleicht.
Schlimmer aber ist das andere: so zu tun als wäre nichts, als müsse ein Schmerz nicht ausgehalten werden. Jeder noch so kleine Tod braucht seine Grabesruhe, braucht Zeit, das Verwesliche verwesen zu lassen; braucht die Grabesruhe, um die Kräfte für das Eigentliche zu sammeln, braucht das Stocken des Atems, der jedem tiefen Luftholen vorausgeht. Jesus macht es vor. Gekreuzigt, gestorben und begraben Tod ganze drei Tage lang. Aber dann am dritten Tag, wenn die Sonne aufgeht morgen früh, dann wird der Tod aus seinem Grab gejagt. Sie ist zu Ende, die Warterei. Das Neue, das Andere bricht aus, bricht hervor. Kennen wir doch auch schon im Kleinen; wenn wir den Schmerz ausgehalten haben, der Trauer Zeit und Raum gegeben haben - dann, nur dann kommen wir wieder aus unseren dunklen Ecken, nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig und aus eigener Kraft; werfen die Decke von unserem Leib; sind wieder da wie neugeboren, auferstanden.
Aber noch nicht jetzt, nicht so schnell; das Grab hat sein Recht; die Grabesruhe. Karsamstag. Der Tag des Grabes, der letzten Ruhe, wenn der Atem still steht und das Neue schon Luft holt damit alles herausbrechen kann zu seiner Zeit zu einem neuen, ewigen Leben.
Grabesruhe
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