Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.04.09, 10.00 Uhr, Pfarrer Reiner Ströver

Aus Liebe gestorben!

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen „Und, wenn ich nun erkalte, in dir mein Ende sei.“ – Liebe Gemeinde...

dieses Sehnen, dieser Wunsch, im Tod mit Gott verbunden zu sein, gilt der auch noch für das Sterben in der heutigen Zeit? Für unser Sterben?

Sterben und Tod sind mir als Pfarrer vertraut. „Plötzlicher Tod eines Landwirts, Mitte Fünfzig. Die Angehörigen brauchen Betreuung.“ Der Anruf kam von der Notfallseelsorge. Ich fuhr zu der angegebenen Adresse, und dann sah ich den Verstorbenen. Er lag auf dem Wirtschaftsweg neben seinem Traktor. Bei der Arbeit, mitten aus dem Leben heraus hatte der Tod ihn weggerissen. Keine Vorwarnungen, kein Schmerz, kein langes Leiden, kein Todeskampf; von einer Sekunde auf die andere war er tot.

Ist das nicht genau das, was sich viele Menschen für ihren eigenen Tod wünschen?

Aber die Angehörigen? Was ist mit ihnen? Sie knieten neben, ja lagen fast auf dem Verstorbenen, konnten und wollten ihn nicht loslassen. „Wir hatten doch noch soviel vor!“ „Wie sollen wir ohne ihn zurecht kommen?“ Und sie überlegten angestrengt, was er als Letztes zu ihnen gesagt hatte. –

Eine neue Bewohnerin war ins Altenheim eingezogen. Bei meinem ersten Besuch sagte sie ohne Umschweife: „Ich bin austherapiert. Die Ärzte können nichts mehr machen. Ich bin nur hier, um zu sterben.“ Tränen flossen. Eine Woche später erzählte sie mir: „Ich habe mit meinen Kindern und Enkeln alles geregelt. Auch das Pflegepersonal und der Arzt wissen Bescheid: keine Apparate, keine Schläuche, keine Magensonde! Aber schmerzfrei möchte ich sein!“, und dann nach einer Pause: „Herr Pastor, bitte beten Sie mit mir!“

Ihrem Wunsch bin ich gerne nachgekommen, konnte ihr ein paar Tage später auch das Abendmahl reichen. Kurz danach verstarb sie. Beim Trauergespräch berichteten die Angehörigen: „Nachmittags waren alle Kinder und Enkel bei ihr, sie hat uns erkannt und uns so angeschaut, als ob sie sich von uns verabschieden wollte. In der folgenden Nacht ist sie ganz friedlich verstorben.“ –
 
Da ist ein Sehnen tief in mir: so ähnlich, in Frieden mit meinen Lieben und mit Gott, so möchte ich auch einmal sterben. –

Vor etwa 2000 Jahren auf dem Hügel Golgatha, außerhalb der Mauern von Jerusalem stirbt ein anderer seinen Tod: Jesus von Nazareth geht zur Hinrichtungsstätte, den schweren Querbalken auf seiner Schulter. Er wird nicht von den Soldaten dorthin gezerrt, er braucht auch niemanden, der ihm sein Kreuz trägt. Nein, von Anfang bis Ende der Kreuzigungsszene ist Jesus der Aktive, selbst im Sterben. So jedenfalls beschreibt es der Evangelist Johannes.

Jesus lässt sich auf das liegende Querholz festnageln und an dem mittleren Kreuzespfahl hochziehen. Die durchbohrenden Nägel, das Körpergewicht, das an den Armen lastet – wie schmerzhaft muss es sein. Schier unerträglich – je länger er dort hängt.

Trotz der Schmerzen und der Verhöhnung nimmt Jesus wahr, dass er  im Sterben nicht allein ist. Vier Frauen stehen ihm zur Seite: seine Mutter Maria und Maria von Magdala. Dazu Maria, die Ehefrau des Klopas, und außerdem die Schwester der Mutter Jesu.
Wieso nur Frauen? Ich vermisse die Jünger Jesu: Petrus, Andreas, Jakobus, Philippus, Thomas und all die anderen. Wo sind die besten Freunde in der Todesstunde? Fehlanzeige!

Vier Frauen unterm Kreuz! Sind Frauen vielleicht aufmerksamer, leidensfähiger, einfühlsamer als Männer, wenn es ans Sterben geht? Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Wenn unsere Diakoniestation pflegende Angehörige einlädt, erscheinen fast nur Frauen. Und die Hospizgruppe hier vor Ort besteht aus neun Frauen und einem Mann.

Was ist mit den Männern unter dem Kreuz? Sie fehlen, oder sie stehen mit Waffen da!
Neben den Frauen sehen wir die römischen Soldaten. Ihre Arbeit ist getan: Jesus hängt am Kreuz. Dass er bald stirbt, berührt sie nicht. Sie haben andere Interessen. Beutemachen ist angesagt. Also verteilen sie Jesu Kleidungsstücke unter sich. Ein deprimierendes Männerbild.

Doch da steht noch ein Mann unter dem Kreuz. Das Johannesevangelium nennt ihn: den „Jünger, den Jesus lieb hatte“. Welcher Jünger damit gemeint ist, wissen wir nicht genau. Entscheidend ist, dass er unter den Männern die große Ausnahme bildet. Er möchte dem sterbenden Jesus beistehen. Er hält Karfreitag aus! Ob er deshalb den schönen Namen trägt: „der Jünger, den Jesus lieb hatte“?

Auch die Gedanken des sterbenden Jesu sind von seiner großen Liebe bestimmt und kreisen nicht um sich selbst. Nicht um sein schweres Los, seine Schmerzen, sein nahes Ende. Überhaupt, glaubt man dem Bericht des Johannesevangeliums, sieht Jesus ganz anders aus als sonst die Gekreuzigten: Da hängt kein geschundener Leib am Kreuz, der langsam in sich zusammen fällt. Seine Gesichtszüge drücken nicht Elend und Verzweiflung aus, sondern Jesus scheint aufrecht zu stehen, gar zu schweben, so als ob er am Kreuz majestätisch erhöht werde.
Dazu passt, dass er mit einem Triumphschrei auf den Lippen stirbt.

Liebe Gemeinde,  kann man die beiden geschilderten Todesfälle aus der heutigen Zeit neben den Tod Jesu stellen? Was hat der Tod Jesu mit meinem Sterben zu tun? Welche Auswirkungen hat sein Sterben auf mein Leben?
 
Orgelmusik

„Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen, dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?“
Liebe Gemeinde, die Bedeutung des Todes Jesu für uns finden wir, wenn wir auf seine Worte hören. Dreimal erhebt Jesus am Kreuz seine Stimme.

„Frau, siehe, das ist dein Sohn!“, spricht Jesus zunächst zu seiner Mutter und dann zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter.“ Mit diesem Doppelwort regelt Jesus vor dem Sterben seine Familienangelegenheiten. Als ältester Sohn ist er für die Versorgung seiner Mutter zuständig. Diese Aufgabe delegiert er an den „Jünger, den er lieb hatte“.

Vor seinem Tod noch regeln, was einem wichtig ist, das ist hilfreich für Sterbende und für Angehörige. -  Haben Sie Ihr Testament schon gemacht? Eine Patientenverfügung verfasst? Oder überlegt, wem sie eine Vorsorgevollmacht erteilen wollen? Solche Fragen werden heute immer wichtiger.

Auf Golgatha geht es darüber hinaus noch um mehr als um Familienangelegenheiten. Unter dem Kreuz entsteht eine neue Gemeinschaft. Menschen, die nicht verwandt sind, die sich bisher vielleicht nur oberflächlich oder gar nicht kannten, werden unter dem Einfluss des Gekreuzigten vereinigt. Ihnen wird die Aufgabe zugewiesen, aufeinander zu achten, fürsorglich miteinander umzugehen. Das ist der letzte Wille, das Vermächtnis Jesu – bis heute.

Für uns kann das heißen: spüren, wenn jemand sich zurückzieht, wenn eine vereinsamt, wenn einer sich nur als Versager betrachtet. Hinschauen, wahrnehmen, helfen – dieser Dreischritt kann vielleicht so grausame Ereignisse wie den Amoklauf von Winnenden verhindern.

„Mich dürstet!“ lautet das zweite Kreuzeswort. Ist das nicht der letzte Verzweifelungsschrei eines Gefolterten, der kurz vor dem Erstickungstod steht, dessen „Zunge am Gaumen klebt“? Laut Johannesevangelium nicht. Hier ist nur wichtig, dass „damit die Heilige Schrift erfüllt würde...“ Den Gläubigen damals kommen die Aussage verschiedener Psalmen ins Gedächtnis: „Der von Gott gesandte Gerechte leidet für die Menschen.“ (Psalm 22; Psalm 69). Jedes Ereignis des Leidensweges Jesu – auch dieser Ruf – stellt somit ein Stück des Heilsplanes Gottes dar.

„Es ist vollbracht!“ – Es ist geschafft. Wir sind am Ziel angekommen.
Das letzte Kreuzeswort gibt eine eindeutige Antwort. Mit Jesu Leben, seiner Kreuzigung und später der Auferstehung ist das Heilswerk Gottes vollendet worden.
Heil? – Haben wir nicht ganz andere Sorgen: Finanz- und Wirtschaftskrise, Angst um den Arbeitsplatz, dazu persönliche Nöte? Aber Heil?
Heil bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Manche meinen, hier brauche nichts geheilt, bereinigt, vollbracht werden. Doch was uns Menschen von Gott trennt, ist gekennzeichnet durch Sätze wie: „Ich brauche keinen, der mir sagt, wo es lang geht.“ – „Ich habe alles im Griff.“ – „Ich habe keinen Erlöser nötig!“ Die Folge ist Zerstörung: Zerstörung der Welt und Selbstzerstörung.

Doch Gott lässt seine Geschöpfe nicht im Stich. Das Kreuz Jesu, gedacht als Hinrichtungsstätte, wandelt er um in eine Brücke, die ihn mit den Menschen verbindet. Auch wir gehören jetzt zu Gott. Jesus hat das „ein für allemal“ vollbracht. „Es mag fremden Einflüssen vorübergehend gelingen, dir deinen Herrn wegzunehmen, es kann ihnen aber nicht gelingen, dich deinem Herrn wegzunehmen!“ Es ist wirklich vollbracht!

Das heißt allerdings nicht, dass Kinder Gottes sich nicht mehr in Schuld und Sünde verstricken würden. Ich jedenfalls bin manchmal enttäuscht über mein Verhalten, über das, was ich tue und lasse. Generationen von Protestanten haben ähnlich empfunden und empfinden immer noch so.  Sie gehen gerade am Karfreitag in den Gottesdienst und zum Abendmahl, um sich die Vergebung ihrer Sünden zusprechen zu lassen.

Im Johannesevangelium ist das Kreuz Ort der „Erhöhung“ und des Triumphes Jesu. Eigentlich ist das Kreuz aber ein brutales Folterinstrument, Ort größter Leiden und Schmerzen. Es ist die Stätte der äußersten Verzweifelung, an der man ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

In tiefster Not spürt der gekreuzigte Jesus laut Johannesevangelium dennoch die Nähe Gottes. Deshalb ist das Kreuz Jesu das Zeichen des mitleidenden Gottes. „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt“, so singen wir oft in unseren Trauergottesdiensten.

„Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen, dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?“
Liebe Gemeinde: Nichts hat Jesus verbrochen! Vielmehr zeigt Gott am Kreuz seine große Liebe. Er gibt seinen Sohn hin aus Liebe. Aus Liebe zu mir und zu Ihnen!

Die Liebe Gottes lebt auch noch heute unter uns. Wir müssen nur hinschauen, um ihre Spuren zu entdecken. Mir fällt eine ältere Frau ein, die eigentlich nicht gerne Besuche im Altenheim machte. Sie konnte den Anblick mancher hilfloser und dementer Menschen dort kaum ertragen. Dennoch besuchte sie regelmäßig ihre hilfsbedürftige Cousine bis an deren Lebensende. Das tat sie aus Liebe.

Der Karfreitag ist nicht nur die Stunde der Finsternis, sondern - nicht zuletzt im Wissen um Ostern - die große Stunde der Liebe Gottes. Mit dieser Liebe leben wir. Amen.

„Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.“ Amen!


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen