Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.04.09, Pfarrer Gerd Höft (Choralandacht)

O Traurigkeit, o Herzeleid (eg 80)

Karsamstag. Gott ist tot. Schon einen ganzen Tag lang. Gekreuzigt, gestorben und begraben. Nun also das Grab. Der Tag danach. Nach Mord und Totschlag. Vom Kreuz genommen.

Gewaschen. In Tücher gewickelt. In die Grabkammer gelegt. Stein davor. Aus und vorbei. Nun also das Grab. Tag des Grabes, der Grabesruhe. Karsamstag.

1. Choral: Motette 1. Strophe
O Traurigkeit, o Herzeleid! Ist das nicht zu beklagen?
Gott des Vaters einigs Kind wird ins Grab getragen.

Sprecherin: O Traurigkeit, o Herzeleid! Ist das nicht zu beklagen?
Gott des Vaters einigs Kind wird ins Grab getragen.

Autor: Schwer schleppt sich der zweihalbe Takt durch die Melodie. Hoch anfangend und dann immer tiefer hinab. Stufe um Stufe, Tonschritt um Tonschritt. Vom Leben ins Sterben. Vom Kreuz ins Grab.

Sprecherin: O Traurigkeit, o Herzeleid! Ist das nicht zu beklagen?
Gott des Vaters einigs Kind wird ins Grab getragen.

2. Choral: Solotenor 2. Strophe
O große Not! Gotts Sohn liegt tot. Am Kreuz ist er gestorben; hat dadurch das Himmelreich uns aus Lieb erworben.

Autor: So schnell dann nun doch nicht. Das Himmelreich erwirbt sich nicht so schnell. Zwischen Karfreitag und Ostersonntag; zwischen sterben und auferstehen liegt das Grab, fest und eine ganze Zeit lang. Er fordert sein Recht, der Karsamstag.

Ja, Karsamstag und nicht Ostersamstag. Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag gehören zusammen. Sie sind Höhepunkt und Abschluss der Karwoche. Der Woche, in der es ums Trauern und Klagen geht; nichts Anderes bedeutet  das althochdeutsche Wort kara.

Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag, sie binden zusammen, was an Hoffnung und Niedertracht im Leben passieren kann und passieren wird; in dem Leben des Jesus von Nazareth und in meinem und ihrem.

Drei Tage, die es in sich haben. Drei Tage, in denen wir alle Stationen von Verrat und Niedertracht, von Leiden und Sterben durchwandern. Bis wohin? Zu welchem Ziel? Wer weiß das schon jetzt und im Vorblick. Nichts wissen wir – außer dass wir Hoffnung haben wollen für etwas danach. Weil wir nicht wollen, dass Leid und Niedertracht, dass Schmerz und Elend das letzte Wort haben sollen. Weil wir nicht leiden wollen, weil wir uns in das Leben krallen, das jung und unbeschwert nicht enden soll. Aber heute ist Karsamstag, Tag des Grabes, der Todesruhe. Der Tag, an dem nichts mehr geht – weil alles gestorben ist. Sogar die Hoffnung.

2. Choral: Solotenor 4. Strophe
O selig ist zu aller Frist, der dieses recht bedenket;
wie der Herr der Herrlichkeit wird ins Grab versenket.

Autor: Nichts geht mehr, weil nichts mehr gehen kann. Ins Grab versenkt. Die letzten Kräfte verbraucht, der letzte Atemzug getan; die Illusionen von ewiger Jugend beendet, von unbegrenzter Leistungsfähigkeit. Nichts ist übrig geblieben, als dass uns jemand herabholt von unserem Kreuz, unseren geschundenen Körper pflegt und unserer zu Tode gequälten Seele Frieden gibt. Nichts ist mehr zu tun als das Einwickeln in Todeslaken und Ablegen in der Dunkelheit – und Ruhen und Warten und Warten und Ruhen und Warten.

3. Musik: Orgel (track 2)

Sprecherin: Psalm 39, 5-8: Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben. Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe. Sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird. Nun, Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.

Autor: Wir sterben viele Tode in unserem Leben, nicht nur den einen, letzten und endgültigen. Die Kinder trennen sich von der allseitigen Umsorgung durch die Eltern, versuchen ein eigenes Leben. Das schmerzt auf beiden Seiten – und natürlich stirbt da auch etwas. Die unbeschwerte Jugend, die es hoffentlich gab; und auch das kleine Familienglück.

Die Trennung nach langjährigen Beziehungen; der Verrat an der einmal beschworenen Liebe. Der endgültige Verlust des Partners, eines Kindes; Krankheiten, die hoffnungsvolle Träume zum Platzen bringen.

Ja, so ist das – auf dem Weg zum großen Tod begleiten uns die vielen kleinen. Nutzt diese Erkenntnis etwas? Bewahrt sie uns davor, uns in eine finstere Ecke zu verkriechen, die Decke über den Kopf zu ziehen?

Schlimmer aber ist das Andere: so zu tun als wäre nichts, als müsse ein Schmerz nicht ausgehalten werden, als könne die Verdrängung des kleinen Sterbens dasselbe außer Kraft setzen. Jeder noch so kleine Tod braucht seine Grabesruhe, braucht Zeit, sich auszukosten, braucht Zeit, das Verwesliche verwesen zu lassen; braucht die Grabesruhe.

2. Choral: Solotenor 5. Strophe
O Jesu, du mein Hilf und Ruh, ich bitte dich mit Tränen:
Hilf dass ich mich bis ins Grab nach dir möge sehnen.

Autor: Jesus macht es vor. Gekreuzigt, gestorben und begraben – Tot ganze drei Tage lang. Aber dann – ja am dritten Tag, wenn die Sonne aufgeht – morgen früh, dann ja dann: der Tod wird aus seinem Grab gejagt. Sie ist zu Ende, die Warterei. Das Neue, das Andere bricht aus, bricht hervor. Kennen wir doch auch schon im Kleinen; wenn wir den Schmerz ausgehalten haben, der Trauer Zeit und Raum gegeben haben - dann, nur dann kommen wir wieder aus unseren dunklen Ecken, nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig und aus eigener Kraft; werfen die Decke von unserem Leib; wir sind wieder da – wie neugeboren, auferstanden. Damit alles herausbrechen kann zu seiner Zeit zu einem neuen, ewigen Leben.

Aber noch nicht jetzt, nicht so schnell; das Grab hat sein Recht; die Grabesruhe; deshalb nicht Ostersamstag, sondern Karsamstag. Der Tag des Grabes, der letzten Ruhe, des Atemstillstandes.

1. Choral: Motette 1. Strophe
O Traurigkeit, o Herzeleid! Ist das nicht zu beklagen?
Gott des Vaters einigs Kind wird ins Grab getragen.

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Gerd Höft aus Düsseldorf über den Choral “O Traurigkeit, o Herzeleid“ - Evangelisches Gesangbuch Nummer 80. Sie hörten unter anderem den Dresdner Kreuzchor unter der Leitung von Martin Flämig.

 

Audiobeitrag O Traurigkeit, o Herzeleid (eg 80)


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