Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.04.09, Pfarrer Gerd Höft

gestorben

Es gibt Stationen in unserem Leben, liebe Hörerinnen und Hörer, die wir gerne umfahren würden oder gerne umfahren hätten.

Wege, die geradezu zwangsläufig auf eine Weichenstellung hinlaufen, die eine Entscheidung unabweisbar machen, die uns keine wirkliche Wahl lassen. Augen zu und durch, das ist eine verständliche Reaktion, aber oft zu billig und eher ein Wunsch. Nein, manchmal laufen wir auf Ereignisse zu mit offenen Augen, sehenden Auges, und wir wissen, da kommen wir so einfach nicht durch. Im Gegenteil, da werden wir gegen eine Wand laufen, da wird uns unbarmherzig ein Halt und Stopp zugerufen. Wie gerne würden wir uns jetzt ausbremsen lassen, die Spur wechseln, umdrehen, sagen: so hab ich das nicht gemeint oder können wir darüber nicht noch einmal reden. Muss das denn sein, gibt’s nicht noch einen anderen Weg, einen Ausweg.

Karfreitag, das ist der Tag der Entscheidung, der keine Ausflüchte, keine Flucht mehr zulässt. Der vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang nachtdunkel bleibt. So dunkel wie damals in einem Garten bei Jerusalem. Unsere Montagshelden, Jesus und seine Anhänger, haben sich darin zurückgezogen. Alle sind müde und vom Heldentum keine Spur mehr. Und der eine, um den es geht, weiß, was auf ihn zukommt, weiß, dass es unausweichlich ist und dennoch ein kleiner, wenigstens hinhaltender Widerstand, ein dahin gestammeltes Gebet: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“

Nein, auch uns werden Kelche gereicht, die wir trinken müssen, auch wenn wir sie nicht trinken wollen, wird nichts an uns vorübergehen, was für uns bestimmt ist. Schweißgebadet wachen wir nachts auf, die Angst schnürt uns die Kehle zu: Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Er wird nicht vorübergehen. Und keine Hilfe weit und breit; die Hilfe schläft tief und fest wie die Helfer. „Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ Jesus fragt das seine Jünger damals, und sein Ruf aus dunkler Nacht klingt uns bis heute in den Ohren. Nein Jesus, nicht einmal eine Stunde, alle schlafen, du stehst allein.

Es gibt diese Situationen, da stehen auch wir allein und keine Hilfe und keine Helfer um uns herum; da ist nichts zu erwarten. Müde, erschöpfte Helden, die nicht mehr tragen können, was auf ihre Schulter gelegt wurde; müde, erschöpfte Helfer, die zu keiner Hilfe mehr fähig sind. Und dann überstürzen sich die Ereignisse; immer tun sie das, wenn die letzte Hoffnung in müder Hilflosigkeit ersäuft. Fackeln im Dunkel, Schwerter, hastende Schritte; ein Kuss, der die Liebe verrät und die Träume ausliefert. Ein Schauprozess, ein Urteil und noch ein Verrat durch den besten Freund, ein Hahn kräht. Petrus weint beschämt, alle fliehen. Schläge ins Gesicht, eine Dornenkrone, ein Holzkreuz geschleppt auf den Schädelberg, Golgatha ein schlimmer Name seit dieser Zeit. Nägel, ein Hammer, dumpfe Schläge und ein Schrei. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Seit diesen Tagen ist dieser Schrei nicht mehr verstummt. Gibt es jemanden unter uns, der ihn nicht kennt, der ihn nicht gehört hat, nicht selbst aus sich gepresst hat. Warum bin ich so verlassen, warum hast du mich verlassen. Auch du, von dem ich es am wenigsten erwartet habe. Gott verlässt die Welt. Am Kreuz hingerichtet. Der Abstieg beginnt: hinabgestiegen in das Reich des Todes. Dort sind wir angekommen, jetzt am dunklen Höhepunkt der Karwoche. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Wie wir alle hinabsteigen werden, dorthin wo es dunkel ist und es keine Hoffnung gibt und wohin uns dieser Schrei aller Gequälten und Leidenden begleitet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das müssen wir dann aushalten. Diesen Schrei müssen wir schultern, wenn wir durch das Grab hindurch wollen, wenn wir an ein gutes Ende glauben wollen. „Und Jesus neigte sein Haupt und verschied.“

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