Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.04.09, Pfarrer Gerd Höft

Verräter und Verratene

Irgendwann werden wir alle einmal Verräter, und irgendwann werden wir alle einmal verraten. Ganz so spektakulär wie damals in Jerusalem ist es aber bei uns eher selten.

Seit einigen Tagen ist Jesus in Jerusalem mitsamt seiner Gefolgschaft. Einiges Aufsehen hat er schon erregt. Das religiöse Establishment reagiert nervös – und das ist noch untertrieben. Ein Mordbeschluss liegt in der Luft. Es muss nur noch jemand gefunden werden, der die Dinge ins Rollen bringt. Die Zeit drängt. In wenigen Tagen ist das Passahfest, eine Art religiöser Ausnahmezustand – und bis dahin sollte die leidige Sache vom Tisch sein.

Man bräuchte jemanden aus der unmittelbaren Nähe des Jesus, jemanden aus dem engsten Kreis. Einen Informanten, einen Verräter halt. Wie sie auf Judas gekommen sind und wer mit ihm gesprochen hat – niemand weiß es. Und was Judas bewogen hat, sich für einen Verrat hinzugeben, darüber lässt sich trefflich spekulieren. War es das Geld, waren es enttäuschte Hoffnungen, die sich mit Jesus verbunden hatten? War es Dummheit, Schicksal?

 Da sitzen sie also am Abend zusammen, ein letztes gemeinsames Essen. Eine dampfende Schüssel auf dem Tisch; Brotstücke in der Hand, bereit zum eintunken und dann der Satz, der alles auslöst: einer unter euch wird mich verraten.

Eine Feststellung. Lapidar. So ist das eben. Irgendwann tauchen wir alle unsere Hand mit anderen in die Schüssel, und jemand wird sagen: Du bist ein Verräter. Irgendwann schauen wir in die Runde, sehen mit wem und mit was wir eine Wegstrecke gemeinsam hatten – und werden wissen: der Verrat sitzt mit am Tisch.

Und alle sind erschrocken: Herr bin ich’s? Natürlich bist du es. Wer wüsste es besser als du selbst. Unser Lebensweg erzählt auch von den vielen kleinen und großen Verrätereien. Als wir unsere Liebe verraten haben für ein neues Abenteuer; als wir unsere Lebensideale verraten haben für eine locker-flockige Oberflächlichkeit; als wir unseren Glauben verraten haben, weil er zu anstrengend wurde für das Segeln auf den religiösen Modewellen. Was und wen haben wir nicht alles verraten. Jesus weiß es, und er sagt uns: macht euch nichts vor. Ihr alle habt schon vom süßen Gift des Verrates gekostet. Und wir, wie die ertappten Kinder zucken zurück und schreien: Bin ich’s? Ja natürlich bist du es. Wer denn sonst?

Aber auch das ist wahr: Wir sind auch Opfer. Verräter und Verratene zugleich. Wir wollten und wurden gehindert. Wir haben uns eingesetzt und wurden ersetzt. Wir standen für andere ein, und man zog uns den Boden unter den Füßen weg. Wir haben geglaubt, gehofft, geliebt, und alles wurde uns in Trümmern gelegt. Gründonnerstag, der Tag davor; der Tag eines letzten gemeinsamen Mahles; ein letzter Versuch unbeschwert zu sein; der Tag der Hoffnung, doch noch einmal ungeschoren durchs Leben zu kommen; der Tag, von dem wir aber alle wissen, dass der Bruch längst vollzogen ist. Verräter und Verratene traut vereint – wie es halt zugeht im Leben.

Aber einer weiß es, und einer spielt nicht mit im Spiel der Unverbindlichkeit, des so tun als ob. Jesus spricht Verrat und Verräter an. Einer unter euch, einer von uns, Sie und ich. Jesus legt bloß: schaut euch an, schreit nicht entsetzt „Herr bin ich’s?“ Seid ehrlich zueinander. Ehrlich mit dir selbst. Es mag ja sein, dass ein enttarnter Verrat etwas Gutes bewirkt; es mag ja sein, dass der Verräter doch wieder die Kurve kriegt; es mag ja sein, dass das alles benötigt wird für einen Neuanfang. Da müssen wir dann durch. Das müssen wir dann aushalten und uns aushalten und andere aushalten. Billiger ist ein Neuanfang nicht zu kriegen.

 

Audiobeitrag Verräter und Verratene


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen