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Zum schweigen bringen
Auf dem Weg zum Karfreitag haben wir die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Jesus auch: Seinem triumphalen Einzug in Jerusalem,
seinem kurzen Luftholen danach folgte gestern die Auspeitschung der Geschäftemacher im heiligen Bezirk. Da haben sich einige die Augen gerieben, die Bewahrer der Tradition, die, denen Ordnung und Ruhe über alles geht und natürlich die, die immer schon wussten, dass sich mit Religion gut Geld verdienen lässt. Ich will nicht spekulieren, was sich die Jerusalemer von so jemandem wie Jesus erwartet hatten. Ein bisschen Spaß vielleicht, etwas Frisches, Neues aber bitte in Grenzen.
Am dritten Tag sammelt sich die Reaktion. Die zunächst nur gedachte, dann geflüsterte, dann immer lauter werdende Parole hieß plötzlich: Wie bringen wir ihn zum Schweigen.
Also wie bringen wir zum Schweigen, was uns stört. Auch unsere Biografien verlaufen ja ähnlich. Wenn wir jung sind, starten wir als Helden. Zumindest sehen wir uns gerne so. Dann erfahren wir: das Leben ist doch sperriger und passt nicht so ohne weiteres sich uns an. Da geht schon mal viel Elan verloren. Ein paar Illusionen bleiben auf der Strecke, von manchen Träumen sagen wir ausgeträumt. Aber so ohne weiteres wollen wir uns ja dann doch nicht geschlagen geben, mucken noch mal auf. Packens noch mal an, wollen es wissen, bäumen uns auf ohne Rücksicht auf Verluste, packen die Peitsche aus.
Da wird der Beruf geknickt, eine Beziehung geopfert, da werden die Kinder im Stich gelassen und andere, die wir uns vertraut gemacht hatten.
Ja, auch der Glaube, kann sich merkwürdig wandeln. Bislang kaum selbst zur Kenntnis genommen, kann er sich zur gefühligen Kitschreligiosität mausern, zwischen Yogaübungen und Räucherstäbchen werden Steine ausgelegt und Pendel geschwungen, um die eigene seelische Heilung zu fördern.
Werte, die wir bis dahin für belanglos, langweilig, störend empfunden haben, so sehr, dass wir sie nicht einmal unseren Kindern zur Kenntnis gebracht haben, werden plötzlich Richtschnur und Leitbild. Wir kramen sie hervor und schmieden sie zu Waffen, mit denen wir die anderen schlagen und knechten.
Liberale Unbekümmertheit wird zur dickköpfigen Sturheit. Es ist halt so: irgendwann schlägt die Reaktion immer zu. Irgendwann kommen wir dahin, wo wir uns für unsere Überzeugungen schlagen oder für unsere Überzeugungen geschlagen werden. Manchmal geschieht uns beides; dass wir schlagen und geschlagen werden.
Wir knicken hoffnungsvolle Ansätze und werden geknickt, wir schüren noch einmal unser Feuer und löschen andere aus. Das ist nun mal so: wir könnten und bremsen doch, wir wollten und verhindern, was kommen soll. Wir wollten dem Neuen den Weg bahnen und stehen ihm irgendwann im Weg.
Auch Jesus macht solche Bekanntschaften, und wir sind dabei. Wir sind die, die zunächst einmal ganz vorne mit ihm den Aufstand proben wollen; ein bisschen Abwechslung, ein klein wenig Veränderung ja gut; gerne! Aber dann meint er es richtig ernst. Mit hier ein bisschen - da ein bisschen ist es nicht getan.
Mensch willst du wirklich heil werden, dann setz deine Beruhigungspillen ab. Und stell dich deinen Verlegenheiten und Ausflüchten, deinem Sowohl Als auch. Bezieh Stellung, kämpf es durch. Stell dich. Und blicke deinen wirklichen und letzten Versuchungen ins Auge. Deinem Verrat und deinem Tod. Der Donnerstag wartet.
Zum schweigen bringen
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