Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.04.09, Pfarrer Sven Keppler

Osterfeuer

Vor der Kirche schlagen die Flammen in die Luft. Auf beiden Seiten des Feuers stehen Menschen in warmen Mänteln und Jacken.

Immer wieder gibt es kleine Explosionen im Feuer, wenn Harz und Wasser sich vermischen. Weihnachtsbäume werden verbrannt und alter Baumschnitt. Im Osterfeuer gehen die Reste des Winters in Flammen auf.

Die Leute reiben sich die Hände. Sie schauen ins Feuer und hängen ihren Gedanken nach. In den Köpfen prasselt und zischt es genauso, wie im Feuer. Auf der einen Seite des Feuers sind es Gedanken voller Ärger: beleidigt, gekränkt, revanchelustig. Auf der anderen Seite herrscht Hochgefühl: befriedigt, glücklich, erfüllt.

Seit Jahren gibt es in der Gemeinde einen Streit über die Osternacht: Soll das Osterfeuer vor dem Gottesdienst entzündet werden, oder danach? Zwei Parteien haben sich in diesem Streit gebildet. Die eine steht links, die andere rechts vom Feuer.

In diesem Jahr ist die Vor-Partei für den Gottesdienst verantwortlich. Ihre Anhänger sehen sich als die echten Bewahrer der alten Traditionen. Schon seit dem 17. Jahrhundert gibt es Osterfeuer in Westfalen. In heidnischen Zeiten sollten mit solchen Feuern die Geister des Winters vertrieben werden.

Im Osterfeuer wird alles Morsche verbrannt, das noch vom Winter übrig ist. Es hat jedoch eine letzte, positive Aufgabe zu erfüllen. Am Feuer wird eine einzige Kerze entzündet. Diese Osterkerze wird dann in die dunkle Kirche getragen. Sie zeigt den Menschen den Weg – wie die Feuersäule, die zu Moses Zeiten den Israeliten in der Wüste vorausleuchtete.

Jeder, der mitfeiert, entzündet an der Osterkerze seine eigene Kerze. So verbreitet sich langsam das österliche Licht im Gotteshaus. Dazu werden feierliche Lieder gesungen. Jeder spürt: Das Leben hat wieder über den Tod gesiegt. Nach und nach werden alle von der Freude des Osterfestes ergriffen: Christus ist auferstanden. Und auch wir werden mit ihm den Tod überwinden.

Im letzten Jahr hat die Nach-Partei den Gottesdienst gestaltet. Ihre Anhänger sagen: Das Feuer ist ein starkes Symbol. Seine Wärme, sein Licht, seine aufregende Lebendigkeit. Hier wird nicht nur Morsches verbrannt, wie bei den alten Germanen.

Sondern  man kann im Feuer das neue Leben direkt spüren. Und deshalb gehört das Feuer ans Ende des Gottesdienstes, als Höhepunkt. Am Feuer kann man erleben, was das alte Lied bedeutet: Christ ist erstanden. Des solln wir alle froh sein. Christ will unser Trost sein. Gott hat sich erbarmt.

Am Ostermorgen ist der Parteienstreit dann meistens verraucht. Mit einigem Schlaf in den Augen feiern alle zusammen einen Gottesdienst und wünschen sich frohe Ostern.

Was soll man sagen zu dieser Gemeinde? Hat sie nichts davon begriffen, dass es zu Ostern um Liebe und Vergebung geht? Oder ist es kein Wunder, dass am Feuer die Emotionen hochkochen?

Gestritten wird ja deshalb, weil es wirklich um etwas geht. Alle wollen das Besondere von Ostern zum Ausdruck bringen: Die Parteinahme Gottes für das Leben und gegen den Tod. In diesem Anliegen sind die Streitenden miteinander verbunden. Ich denke, beide Parteien haben etwas Wichtiges im Blick. Mich beeindruckt ihre engagierte Auseinandersetzung. Wer respektvoll miteinander streitet, kann sehr lebendig sein. Und hinterher gemeinsam Eier suchen.

Audiobeitrag Osterfeuer


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