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Roter Wein
Ein einfaches Holzhaus am Rande des Dorfes. Drei Kerzen erleuchten den Raum, in dem sich die Familie versammelt hat.
Draußen ist eisige Nacht, das Dorf und die Berge leuchten im kalten Licht des Vollmondes. Diese Nacht sollen wieder Bewaffnete unterwegs sein. Sie durchkämmen die Häuser, auf der Suche nach neuen Kämpfern. Die ältesten Söhne nehmen sie mit in die Berge. Die Nachbarn haben wieder Blut an die Türpfosten geschmiert, sagt die Mutter. Es ist ein altes Zeichen, das die Bewaffneten fern halten soll. Das frische Blut eines Lammes am Rahmen der Haustür. Es soll zeigen: Unsere Familie hat schon mit Blut bezahlt in diesem Krieg. Verschont uns in dieser Nacht. Lasst unseren Sohn bei uns, wir brauchen ihn.
Fragend schaut die Mutter zu ihrem Mann. Ihr Sohn ist vierzehn, ein hübscher Junge. Aber draußen an der Tür klebt noch kein Blut. Haben wir wirklich kein Lamm in diesem Frühjahr, das wir schlachten könnten? Der Vater weicht ihrem Blick aus. Er steht auf und verlässt den Raum. Der Junge blickt zur Mutter. Er weiß genau, was ihre Frage bedeutet. Auch die zwei Schwestern spüren die Angst, die auf der Familie liegt.
Als der Vater zurückkommt, bringt er einen Krug Wein und einen Laib Brot. Nein, wir haben kein Lamm, Du weißt das. Aber wir haben etwas Besseres. Brot und roten Wein.
Willst Du etwa Wein an die Tür schmieren? fragt die Mutter. Oder diese Mörder freundlich bewirten? Vielleicht gehen sie dann ja wieder! Die Bitterkeit in ihrer Stimme kann sie nicht verbergen. Will der Vater dem Sohn ein Abschiedsmahl bereiten, eine Henkersmahlzeit? Sich ohne Widerstand in das Schicksal ergeben?
Der Vater stellt Brot und Wein auf den Tisch. Drei Tage vor Ostern hat Jesus das Brot mit seinen Jüngern geteilt. Sie hatten ein Lamm, das sie gemeinsam gegessen haben. Aber sie haben kein Blut an die Tür gestrichen. Als sie den Wein tranken, hat Jesus gesagt: Dies ist mein Blut des Bundes, das für euch vergossen wird. Das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.
Die Mutter schweigt, genau wie die Kinder. Nach einer Pause sagt der Vater: Das Blut der Lämmer wird uns auch nicht schützen. Die Partisanen sehen längst nicht mehr danach. Wir können nur hoffen, dass Gott uns beschützt. Dass er nicht zulässt, dass das Blut unseres Jungen vergossen wird. Gott hat seinen eigenen Sohn sterben sehn. Er kann nicht den Tod unschuldiger Kinder wollen. Lasst uns den Wein trinken, vielleicht erinnert sich Gott ja daran.
Schweigend gießt er den Wein ein. Schweigend essen sie das Brot und trinken dazu aus den Kelchen. Das erste Mal, dass auch der Sohn trinken darf. Schnell röten sich seine Wangen, er beginnt ein wenig zu leuchten. Der Vater schenkt nach. Und bald werden den Kindern die Augen schwer. Die Eltern bringen sie vorsichtig zu Bett. Selber durchwachen sie die gesamte Nacht, ohne ein Auge zu schließen.
Am nächsten Morgen schien die Sonne, mit dem Vollmond kam der Wetterumschwung. Der Frühling kam nun auch in die Berge hinauf. Und mit ihm die Verbände der Regierung, die dem Dorf neue Sicherheit gaben.
Roter Wein
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