| |
Enttäuschung
In dieser Woche, der sogenannten Karwoche, denken Menschen an die letzten Tage im Leben Jesu. Tage, die alle Emotionen bieten, die das Leben bereit hält.
Von Hoffnung, über Enttäuschung bis Rache. Mit lautem Jubel hatten die Bewohner Jerusalems Jesus in ihrer Stadt empfangen. Sie hatten die Hoffnung, dass er sie von der Knechtschaft der Römer befreit. Immer wieder hatte Jesus Wunder vollbracht, Unmögliches möglich gemacht und von Freiheit gesprochen. Er hatte auch den religiösen Machthabern schon mehr als einmal den Kopf gewaschen. So sollte er es bitte auch mit den Römern machen und den Menschen wieder Freiheit schenken. Wenn nötig mit Gewalt.
Der Anfang war schon mal verheißungsvoll. Voller Zorn ging Jesus kurz nach seiner Ankunft in Jerusalem den Tempel und verscheuchte die Händler, die sich dort breitgemacht hatten. Ihr habt aus dem Haus Gottes eine Räuberhöhle gemacht (Mt. 21,13), rief er und warf die Tische der Geldwechlser und die Stände der Taubenhändler um. Das Getöse war bestimmt nicht zu überhören. Aber danach geschah nichts Revolutionäres mehr. Jesus zettelte keinen Aufstand an, rief nicht zum Widerstand auf. Er erhob seine Stimme nicht gegen die Besatzer. Statt dessen lehrte Jesus einfach nur im Tempel und predigte. Er diskutierte nur. Mit den religiösen Führern und den Menschen auf der Straße.
Mit der Zeit wurde vielen klar: Der befreit uns nicht, der redet nur. Der tut ja gar nichts, außer ein paar Tische umzuschmeißen. Es machte sich in der Stadt ein Gefühl breit, das mit der nicht erfüllten Hoffnung zu tun hatte: Enttäuschung.
Diese Enttäuschung ist verständlich, basiert aber auf dem vielleicht größten Missverständnis der Geschichte. Denn Jesus hat etwas Anderes gesagt, als die Menschen hörten. Er hat es anders gemeint, als es bei ihnen letztendlich ankam. Er hatte nämlich nie versprochen, dass er die Menschen vom politischen Joch befreit. Er hat nie ausdrücklich gesagt: Ich werde die Diktatur der Römer beenden. Er hat eine Freiheit versprochen, aber die war anders gemeint.
Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sagt Jesus, als ihm später der Prozess gemacht wird. Mit anderen Worten: Ich habe anderes im Sinn als das irdische Leben. Mir kommt es nicht so sehr auf das Diesseits an, sondern ich bin der Weg zu Gott. Ich habe Euch gezeigt, wie Gottes Liebe ist. Ich habe Durch ihn hatte ich die Kraft hatte, Blinde wieder sehend oder Tote lebendig zu machen. Ich habe von der Feindesliebe gesprochen und Euch gezeigt, wie ihr für Euer Leben gefährliche Situationen vermeiden könnt. Ich habe euch wiederholt ermahnt, zuerst nach Gott zu suchen und keine irdischen Schätze anzusammeln, weil sie schnell vergehen können. Ich habe Euch gezeigt, wie Gott sich das Miteinander zwischen Menschen vorstellt und wie ihr innerlich frei werdet. Daraus folgt die äußere Freiheit.
Das war damals wie heute schwer zu verstehen. Denn das sind Gedanken, die ein Mensch schlecht greifen kann. Es sind Grundsätze, bei denen es oft mühsam ist, sie zu befolgen. Es sind Vorschläge, die das Innere des Menschen verändern, nicht das Äußere. Doch wer in Ketten liegt, den tröstet nicht, dass die Gedanken frei sind. Wehe dem, der die Erwartungen nicht erfüllt. Und es kam, wie es kommen musste. Morgen.
Enttäuschung
|