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Spiel und Religion
Atmo: Spielende Kinderstimmen Autorin: Spielende Kinder. Fasziniert, abgetaucht in andere Welten. Sie vergessen Zeit und Raum, sind glücklich.
Oft sehne ich mich in danach zurück. Jetzt, wo ich im Beruf stehe, wo der Alltag so viele Notwendigkeiten mit sich bringt. Das spielen damals, so unbeschwert. Was habe ich es genossen. Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Ich bin Susanne Wolf-Withöft, evangelische Pfarrerin in Wuppertal.
Zitat Silvia Bovenschen Sprecher: Kindheit. Glück, das war nicht zur Schule müssen, das war lesen und spielen, im Sommer schwimmen gehen. Erstrebenswert war Glück immer. Vielleicht konnte man es immer haben, wenn man immer tun konnte, was man will. Das aber konnten nur Erwachsene. Die waren aber, wie mir schien, deutlich sichtbar nicht ununterbrochen glücklich. Es musste daran liegen, dass sie zwar lasen, aber kaum spielten. Also kam es darauf an gleichzeitig erwachsen zu werden um tun zu können, was man will, und das zu bleiben, was man war, ein spielender Mensch.
Autorin: Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen schreibt in ihrem Essay Älter werden wovon sie als Kind überzeugt war. Ein Mensch kann nur glücklich sein, wenn er spielt. Deshalb war es für sie unvorstellbar jemals damit aufzuhören. Das Spiel zieht uns in seinen Bann, ist faszinierend. Es erzeugt einen Sog, dem sich kaum jemand entziehen kann. Spiel ist freies Tun ohne Zweck und lebt vom Zauber des Unbestimmten.
Musik: Jerry Goldsmith, The Waltons
Der Dichter Friedrich Schiller erkennt:Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Jedes Spiel simuliert das Leben. Wir können uns hier an Dinge heranwagen, vor denen wir uns im wahren Leben fürchten. Wir gehen Risiken ein, wissen nicht wie es ausgeht. Wenn wir so richtig ins Spiel kommen, verlieren Raum und Zeit ihre Bedeutung. Es zählt nur noch der Ehrgeiz des Gewinnens, die Spannung des jetzigen Moments. Spiel ist ganz reale, reine Gegenwart. Wir vergessen die Vergangenheit und haben keinen Blick auf die Zukunft. Wenn ich im Spiel versinke, alles um mich herum vergesse das ist ein Moment von Ewigkeit. Nicht eine Ewigkeit, wie wir sie verstehen, ein ewig weiterlaufendes Zeitspektrum. Eher eine Ewigkeit, die quersteht zu unserem Verständnis von Zeit. So etwas wie einen Vorgriff auf den Himmel. Das erleben wir im Spiel.
Atmo: Kinderhüpfspiel
Das Spiel Himmel und Hölle ist bei Kindern gut bekannt. Auf den ersten Blick geht es nur darum einem geworfenen Stein hinterher zu hüpfen ohne die Linien des Spielfeldes zu betreten. Doch das Ganze lässt sich auch symbolisch deuten. Bevor das Kind loshüpfen darf, muss es einen Stein werfen, sich sozusagen ein Lebensziel setzen. Dieses Ziel lässt sich nicht in einem Sprung erreichen, sondern erfordert viele kleine, sorgsam gesetzte Schritte. Das Hüpfen auf einem Bein symbolisiert die Unwägbarkeiten des Lebens. Man kann aus dem Gleichgewicht geraten und verbotene Grenzen übertreten. Und wer es in das obere Feld, den Himmel schafft, darf sich ausruhen.
Da sind Spiel und Ernst eng miteinander verbunden. Ja, Spiel gibt es gar nicht ohne Ernst! Der Philosoph Platon sagt: Mensch spiele, damit du zum Ernstesten fähig wirst. Das heißt nichts anderes, als zur Heiterkeit und zur Bildung fähig zu sein. Im Spiel ist der Ernst also immer dabei und wenn es gut geht, merken wir, dass wir als Personen auch selbst auf dem Spiel stehen. Häufig, so geben die Regeln es vor, setzen wir dabei unser Leben aufs Spiel. Der Kartenspieler, der am Schluss den schwarzen Peter auf der Hand hält, bekommt nicht nur zur Belustigung aller einen schwarzen Punkt ins Gesicht gemalt. Es ist die Farbe des Todes, mit der er gekennzeichnet wird. Doch der Tod ist nur von kurzer Dauer. In der nächsten Runde steigt der Verlierer quicklebendig wieder ein.
Musik: Scott Joplin, The Entertainer
Spiel und Religion waren immer schon eng miteinander verbunden. Die alten Griechen schrieben dem Spiel ein transzendentes Ziel zu. Spiel ragte nach ihrer Ansicht hinein in eine Wirklichkeit jenseits der Verfügbaren. Im Spiel betraten Menschen den Raum der Götter. So wurden die olympischen Spiele zu Ehren der göttlichen Helden veranstaltet. Sportspiele waren religiöse Feste. Gerade Geistliche waren dem Spiel zugeneigt. In frühen Jahrhunderten, in den Umzügen der Barrockzeit oder den mittelalterlichen Mysterienspielen, bemühte man sich die Botschaften des christlichen Glaubens über Spiele unter das Volk zu bringen. Viele Menschen damals konnten nicht lesen und so führte man ihnen den Inhalt der Bibel vor Augen. In bunten Kostümen und mit viel Unterhaltungswert wurden so die bedeutenden Feste des Kirchenjahres spielerisch in Szene gesetzt.
Spiel als solcher ist auch ein Begriff in der Bibel. Im Alten Testament sind es Bedeutungsvarianten des Verbes shq, die Spontaneität, Ekstase und Übermut beschreiben. Spielen ist ein Tun mit dem man aus dem Alltagsgeschehen ausbricht, es hat eine Nähe zum spontanen wilden Tanz. Weltliches und religiöses Spiel stehen nebeneinander. Im Buch der Sprüche wird deutlich, dass Spiel eine Urfunktion, ein Grundbedürfnis des Lebens ist. Dort heißt es, dass die Repräsentantin Gottes, die Weisheit Gottes vor den Menschen spielt. Gottes Weisheit, dass ist also nicht der Intellekt, sondern der Spieltrieb.
Im Neuen Testament gibt es kein eigenes Verb für das Wort Spiel. Vielmehr wird im Griechischen das Wort paidia benutzt, welches das, was zum Kind gehört bedeutet. Spielen als Spontaneität und Freude ist eine kindliche Eigenschaft und als solche für den christlichen Glauben von großer Bedeutung. Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen, sagt Jesus bevor er die Kinder segnet. Kinder können spielen. Von sich selbst absehen, sich selbst loslassen, ganz Sein. Eine Übung, die heute Erwachsene Christen jedes Jahr aufs Neue in der Fastenzeit wieder versuchen. Von sich selbst absehen können, sich einlassen auf dieses Lebensspiel und das Wagnis des Risikos eingehen sich auf Gott zu verlassen. In diesem Sinne werden wie ein Kind das ist und bleibt christliche Herausforderung.
Musik: Jerry Goldsmith, The Waltons
In der Kirche hat das geistliche Spiel an Bedeutung verloren. Heute kennen wir im protestantischen Bereich fast nur noch die Krippenspiele zu Heilig Abend und die Anspiele im Familiengottesdienst. Doch der Spielbegriff erlebt in der Theologie der letzten Jahre eine Renaissance. Immer noch hat Spiel bewußtseinssprengende Kraft. Biblische Texte nachspielen, sich spielerisch in den Textraum begeben, das ist eine unerschöpfliche Quelle für meine Spiritualität. Im Spiel werden die Geschichten Gottes mit den Menschen lebendig. Da nehmen wir die Texte neu wahr, hören die Zwischentöne, entdecken Dissonanzen, Harmonien und neue Klangfarben. Im Spiel eröffnen sich völlig neue Perspektiven und neue Dimensionen biblischer Texte. Die Geschichten werden farbig voller Leben in den Raum geholt. Selbst sehr vertraute Texte lassen sich neu entdecken. Spiel hat eine eigene Dynamik.
Musik: Scott Joplin, Easy Winner
Eine Methode das Spiel in der Gemeindearbeit, in der Predigtvorbereitung, ja im Gottesdienst selbst einzusetzen, ist der Bibliolog. Die Teilnehmenden sitzen im Kreis oder in den Kirchenbänken.
Die Leiterin des Bibliologs liest eine biblische Geschichte bis zu einer bestimmten Stelle vor, hält dann inne und führt die Gruppenmitglieder in eine bestimmte Rolle aus einer Geschichte hinein.
Zum Beispiel in einen Jünger, der von Jesus ausgesandt wird in die Welt, zu den Menschen. Die Figur wird eingeleitet: z.B. Ihr seid ein Jünger. Wenn wir ins Spiel gehen, dann fallen auch die Konventionen. Dann Duze ich meist. Jünger, Jesus sendet dich aus mit einem anderen zusammen. Du bekommst Macht über die unreinen Geister. Jünger, was geht dir durch den Kopf?
Da gibt es Jünger, die sind sehr wagemutig und sagen: Jawohl, Jesus hat mir viel Handwerkszeug gegeben, ich kann jetzt durchstarten und ich werde den Auftrag jetzt auch unter die Leute bringen.
Dann gibt es den zögerlichen Jünger, der sagt: Naja, so ganz wohl ist mir nicht. Mal sehen wie das wird. Bis jetzt war der Meister ja immer an meiner Seite. Und ich wusste, zur Not habe ich ihn als Rückendeckung.
Der Kritische fragt: Wir sollen immer zu zweit ausziehen. Darf ich mir denn den anderen aussuchen? Ich kann mir das nicht mit allen hier vorstellen.
Und vielleicht gibt es auch den Verweigerer, der jetzt wo es ernst wird, kneifen möchte.
Im Bibliolog kann ich also verschiedene Perspektiven einnehmen. Bibliolog ist eine Auslegungsform, die ihre Wurzeln im Judentum hat. Eine Gruppe entdeckt gemeinsam den Text. Und jede Entdeckung hat ihre Berechtigung und Bedeutung. Die alten Rabbiner haben dafür ein Bild geprägt. Sie sagen: die Buchstaben der Geschichte, die gedruckten Buchstaben sind schwarz, sind das schwarze Feuer, das wir haben und lesen können. Dazwischen lodert das weiße Feuer, das, was zwischen den Zeilen steht und uns den Text neu erschließen lässt.
Der Bibliolog verdeutlicht, es gibt nicht nur einen Aspekt des Textes. Je nachdem, wer ihn auf dem Hintergrund welcher Lebenssituation hört, nimmt unterschiedliche Perspektiven wahr. Jeder Teilnehmer hat logischerweise seinen persönlichen Zugang zum Text. Gleichzeitig ermöglicht das Spiel die Reaktionen der anderen mitzuerleben und damit womöglich auch die eigene Wahrnehmung zu erweitern oder zu verändern. Einen Text nur in der Bibel zu lesen hat in den meisten Fällen keine so nachhaltige Wirkung.
Musik: Sonni Rollins, Salvador
Im Spiel können wir uns selbst vergessen, ereignet sich unmittelbares Leben. Das sind glückselige Momente. Verheißungsvolle Momente, in denen etwas vom ganz leichten Leben durchscheint. Das ist für mich ein Vorgeschmack auf den Himmel. Ganz so wie Paulus, der Apostel aus der Bibel es mit dem Reich Gottes meinte. Schon jetzt ist es unter uns und doch noch nicht. Spielerisch so unterwegs zu sein, die Leichtigkeit und die Kraft des Spiels zu genießen, das wünscht Ihnen Susanne Wolf-Withöft von der evangelischen Kirche Wuppertal.
Musik: Sonni Rollins, Salvador.
Literatur: Silvia Bovenschen, Älter werden. Notizen, Amsterdam 2008.
Musik:. Jerry Goldsmith, The Waltons auf: TV-Series Scott Joplin, The Entertainer auf: The Sting Scott Joplin, Easy Winner, auf: The Sting Sonni Rollins, Salvador, auf: This is what I do.
Spiel und Religion
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