Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.03.09, Pastor Christoph Neumann

Paulus am Ende

Es gibt Zeiten, in denen sind wir wie lahm gelegt. Das können Krankheitszeiten sein. Da sind wir an das Bett gefesselt. Das kann auch im Alter auf uns zukommen.

Wenn wir erleben, dass wir unsere Wohnung nicht mehr verlassen können. In solchen Zeiten tauchen Fragen auf, die böse an uns nagen: Was kann ich jetzt noch tun? Früher war ich voller Energie und Kraft. Wozu bin ich jetzt noch da? Wem kann ich jetzt noch nützlich sein?

Wir haben uns in dieser Woche mit einem Mann beschäftigt, der voller Energie war. Ein Weltenbummler der frühen Christenheit. Mit großer Leidenschaft und Engagement reiste Paulus durch ganz Europa. Unermüdlich gründete er neue Gemeinden. Eine zähe Persönlichkeit war dieser Mann.

Doch das war nur eine Seite seines Lebens. Die Spur des Paulus verliert sich im Gefängnis in Rom. Ob er von dort noch einmal in die Freiheit kam, wissen wir nicht. Er, der die bedingungslose Liebe Gottes in Jesus Christus predigte, wurde dafür immer wieder ins Gefängnis geworfen. Und nicht nur das. Auch körperlich war dieser Mann sehr anfällig. Eine Augenkrankheit machte ihm zu schaffen und immer wieder plagte er sich mit großer Niedergeschlagenheit herum. Besonders die Gefängnisaufenthalte bremsten diesen Mann heftig aus. Er, der so eine große Vision hatte für sein Leben, findet sich gefangen in vier Wänden wieder. Da tauchen Selbstanklagen auf und nagen an ihm. Stecken tief in seiner Seele wie der Pfahl eines Dämons im Fleisch. In einem Brief an eine seiner Gemeinde schreibt er davon:

Sprecher: „Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“

Paulus erfährt die Zusage Gottes: Du bist nicht nur wertvoll, wenn du etwas kannst. Wenn du Leistung bringst. Wenn du Energien verspürst. Du bist mir wertvoll und ich liebe dich auch dann, wenn Dein Leben nur noch in einem sehr kleinen Radius verläuft. Wenn du dich ausgebremst fühlst.

Es ist ja schon merkwürdig. Das Vermächtnis dieses Mannes sind seine Briefe. Viele dieser Briefe hat Paulus im Gefängnis geschrieben. Ungezählte Menschen sind durch diese Briefe getröstet und gestärkt worden. Weil sie dort einem Menschen begegnen, der auch in Schwachheit und Leid eine Quelle der Kraft findet.

Und das bis heute: Vor ein paar Monaten bekam ich einen Brief. Dieser Brief war mit den Augen geschrieben. Von einem Bekannten, der an einer schrecklichen Nervenkrankheit litt. Diese Krankheit war so weit fortgeschritten, dass er sich nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen konnte. Nur noch über eine Bildschirmtastatur mit Augensteuerung konnte er kommunizieren und Briefe schreiben. Wir haben diesen Brief damals ins Foyer unseres Gemeindehauses gehängt Heute lebt dieser Mann nicht mehr. Aber ich besitze noch seinen Brief. In diesem Brief heißt es unter anderem:

Sprecher: „Das Ja der Gnade Gottes zu uns kann uns keiner wegnehmen. Es gilt trotz alles Versagens, trotz aller Schuld, trotz aller Selbstanklagen und der Anklagen anderer Menschen. Wir dürfen, weil Jesus Christus uns die Gnadenhand Gottes reicht, einschlagen und zuversichtlich und froh unseren Weg gehen“.

Diese Zeilen haben viele von uns tief berührt und gestärkt. Weil hier jemand in unbeschreiblicher Schwachheit eine Quelle der Kraft gefunden hat.

Audiobeitrag Paulus am Ende


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