| |
Paulus und das Tischtuch
Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht Was uns fremd ist, das ist uns oft suspekt. Das kann die Speise sein.
Vieles, was wir heute auf den Tisch bekommen ist ja nicht gesund. Aber das kann auch die Art und Weise sein, wie jemand lebt. Oder wie er glaubt. Manchmal führt das dazu, dass wir unter uns das Tischtuch zerschneiden. Dann sitzen wir getrennt. Am Tisch zuhause oder beim Abendmahl.
Schon die ersten Christen hatten da ihre Probleme. Da waren junge Gemeinden entstanden durch den christlichen Missionar Paulus. Zu ihnen gehörten Leute aus dem griechisch römischen Kulturraum. Sie hatten eigene Essgewohnheiten und hatten ihre eigenen religiösen Rituale im gottesdienstlichen Leben. Das gemeinsame Essen und der Gottesdienst gehörten damals nämlich sehr eng zusammen.
In den christlichen Gemeinden, die eine jüdische Tradition hatten, war vieles anders. Es gab genaue Speisevorschriften. Schweinefleisch, sowie Fleisch, das für die Opfer in römischen Tempeln bestimmt war, durfte nicht gegessen werden. Und es gab strenge religiöse Rituale. Für einen Christen aus jüdischer Tradition war es undenkbar, sich auf die Speisegewohnheiten der Mitchristen aus den neuen Gemeinden einzulassen.
So kam es zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung zwischen den Gemeinden, die fast dazu geführt hätte, dass man das Tischtuch zwischen den Christen der unterschiedlichen Gemeinden zerschnitten hätte. Dieser Streit wurde so heftig, dass die Kirchenleitung zu einem Konzil zusammenkommen musste. Nach langer und heftiger Diskussion kam man zu einer Entscheidung: In den zentralen und wichtigen Punkten war man sich einig. Bei den Fragen nach den Speisevorschriften hingegen, musste ein Kompromiss gefunden werden: Jeder der beiden Parteien musste dabei Gewohntes loslassen und sich auf Neues einlassen. Die Traditionsbewussten mussten akzeptieren, dass der Glaube an Christus auch neue Formen annehmen kann. Und die Christen der jungen, modernen Gemeinden waren bereit, von der großen Freiheit ihres Glaubens etwas zurück zu nehmen. Sie sollten beim gemeinsamen Abendessen die Speisen meiden, die sie eigentlich gerne gegessen hätten. So blieb die Gemeinschaft der so unterschiedlichen Frömmigkeitsformen erhalten und man brauchte das Tischtuch nicht zerschneiden.
Auch heute stoßen bei uns sehr unterschiedliche Traditionen und Kulturen aufeinander. In unserer Gesellschaft außerhalb der Kirchenmauern. Aber auch innerhalb der christlichen Kirchen. Da geht es in der Regel nicht um Speisen. Wenn bei uns Tischtücher zerschnitten werden, geht es um neue Lieder in englischer Sprache. Oder um neue Gottesdienstformen. Und immer wieder gibt es Leute, denen das nicht schmeckt, weil es ihnen fremd ist.
Da ist es gut, wenn man sich an einen Tisch setzt und miteinander spricht und diskutiert. Und man sich Zeit nimmt, einander kennen zu lernen. Das kann man bei einem gemeinsamen Essen. Und wenn man sich in den zentralen Punkten einig ist, dann findet man auch einen Kompromiss.
Und mit der Zeit merkt man: Es gibt alte Rezepte, die uns gut bekommen. Traditionen, die nicht schlecht sind. Und die das Alte lieben, kommen plötzlich auf den Geschmack, weil das Neue in kleineren Portionen auf den Tisch kommt.
Paulus und das Tischtuch
|