Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.03.09, Pfarrer Jochen Müller

Warum hängt der da?

„Warum hängt der da?“ Unbefangen geht der kleine Junge aus dem Kindergarten auf unser Altarkreuz in der Kirche zu. Sieht den geschundenen Körper am Kreuz und fragt:

„Warum hängt der da?“ „Na dann“, denk ich: „erklär mal schnell, Pastor!“

„Das ist Jesus. Ein Mann, der vor ganz langer Zeit gelebt hat. Er hat viel Gutes getan, Menschen geholfen und sie gesund gemacht. Und er hat von Gott erzählt. Aber er hatte auch Feinde. Leute, die ihn für gefährlich hielten. Die haben ihn aufs Kreuz gelegt, weil er ihnen nicht passte. Sie sagten, er hätte Gott beleidigt. Darum haben sie ihn umgebracht.“ „Hm“, denk ich, „hat der Junge das verstanden?“

„Ja, aber warum hängt der jetzt bei dir in der Kirche?“, fragt der Kleine weiter. Also: „Wenn wir hier in der Kirche zusammen Gottesdienst feiern und zu Gott beten, dann haben wir diesen Jesus immer vor Augen. Wenn wir ihn sehen, denken wir daran: Gott will nicht, dass einer dem andern das Leben zur Hölle macht. Jesus hat nicht zurückgeschlagen, als man ihn schlug. Er hat sich das gefallen lassen. Hat nicht gedacht: Das kriegst du zurück! Darum hängt der da.“ „Hm“, denk ich, „hoffentlich kann er damit etwas anfangen?“

„Ja, aber warum hängt der jetzt immer noch so da?“ Der Junge lässt nicht locker. Vor meinem inneren Auge sehe ich die unterschiedlichsten Kreuzesdarstellungen: Kreuz mit und ohne Körper dran. Aufrechter Jesus und qualvoll hängender. Das Auferstehungskreuz in unserer katholischen Nachbarkirche, bei  dem der Körper mit ausgebreiteten Armen ein Stück neben dem Kreuz hängt: das ist der Auferstandene, der die Gemeinde segnend in den Arm nimmt. Jedes Kreuz hat seine eigene Aussage.
 
Und ich sehe wieder auf unser Kreuz. Der Mann mit der Dornenkrone. Steht eigentlich eher am Kreuz, als dass er hängt. Mit Bart und langen Haaren, spärlich bekleidet. Über ihm die Tafel mit der lateinischen Inschrift INRI: Jesus von Nazareth, König der Juden. Schaut auf die Gemeinde – vielleicht kein großes Kunstwerk, aber seit 75 Jahren versammeln sich unter diesem Kreuz Menschen, um miteinander zu beten und Gottesdienst zu feiern.

Und jetzt fragt dieses Kindergartenkind: „Warum hängt der jetzt immer noch so da?“ Und wartet auf eine einfache Antwort. Eine kinderleichte Antwort natürlich. Aber die fällt mir ganz schön schwer. „Was würdest du denn sagen, warum er da noch hängt?“, frage ich den Kleinen zurück. „Ich weiß nicht“, antwortet der Junge. „Ich weiß nur, dass er mir leid tut. Wir sollten ihn endlich abhängen. Damit er aufhört zu leiden.“

 Der Junge hat Recht. Jesus abhängen, damit er aufhört zu leiden. Aber kann ich das? Ihn abnehmen? Ihm das Kreuz abnehmen? Ich trage mein eigenes Kreuz unter Jesu Kreuz und bitte ihn, mir meins abzunehmen.“

Audiobeitrag Warum hängt der da?


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