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In den Stürmen des Lebens
Autor: Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Volksmund. Manchmal stirbt die Hoffnung aber auch zu früh. Vor allem dann, wenn man sich auf hoher See befindet.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Joachim Gerhardt. Ich bin Pfarrer in Bonn. Das liegt bekanntlich am Rhein. Meine Sehnsucht aber gilt dem Meer. Den Weiten des Ozeans. Wo die Wellen rauschen. Wo einem der Wind um die Nase weht. Und manchmal, gerade jetzt wieder im Frühjahr, die Stürme übers Meer ziehen.
Musik: Enrique Ugarte: Café Musette LC 05111 Track 1: Migrinouche
Autor: Auf dem Meer geht es um Leben und Tod. Ich habe an der Nordseeküste in Ostfriesland einen Seenotrettungskreuzer besichtigt und mir erklären lassen wie das ist mit der Rettung und der Hoffnung, die ja bekanntlich immer zuletzt stirbt. Das stimmt so eben nicht hat uns der Kapitän erzählt. Menschen werden auf hoher See über Bord gespült und ertrinken. Nicht etwa, weil die Wellen zu hoch sind oder das Meer zu kalt ist. Bei fünf Grad Wassertemperatur so wie jetzt im März könnten es Menschen eine Stunde schaffen, sagt er. Bei 15 Grad sogar bis zu sechs Stunden. Aber du glaubst es nicht. Dein Kopf spielt nicht mit. So geht mancher unter, der gut hätte gerettet werden können. Erst stirbt die Hoffnung, dann der Mensch, als letztes kommt das Rettungsboot, sagt der Seemann. Und das ist leider eine Erfahrung, die er immer wieder mal machen muss.
Der Kapitän hat uns dann eine Geschichte erzählt. Sie steht in der Bibel im Evangelium des Matthäus (Matthäus 14, 22-33) und handelt von Jesus und seinen Jüngern: Die Jünger fahren auf den See hinaus, geraten in Sturm und drohen unterzugehen. Doch Jesus kommt über das Wasser, um sie zu retten. Der Jünger Petrus entdeckt ihn mitten in den Fluten und will ihm entgegengehen. Doch als er Jesus vor lauter Wellen nicht mehr sieht, wird sein Glaube klein und er sinkt ein. Kein Wunder, sagt der Kapitän: Wer flach auf dem Wasser liegt, für den beginnt der Horizont schon bei der Hälfte. Da mag die Rettung schon nahe sein, sie hat dich vielleicht sogar schon im Blick aber du selbst siehst sie nicht.
Hoffnung muss man lernen. Das ist daher die Erkenntnis des Kapitäns. Hoffnung muss man lernen, damit ich auf sie zurückgreifen kann, wenn es darauf ankommt. Darum gehen doch Menschen in die Kirche und lassen sich von Jesus und seinen Lebensrettungen erzählen, so der Kapitän. Damit sie wissen: Es lohnt sich auch in großer Not, nicht die Hoffnung zu verlieren. Und genau darum mache er nun seit Jahren seine Führungen über den Rettungskreuzer und berichtet von seinen Erlebnissen. Es sind Geschichten vom tiefen, schwarzen Wasser. Geschichten, die anfangs so rettungslos erscheinen und die dann doch, viel öfter als gedacht, ein gutes Ende nehmen.
Musik: Il Postino (Filmmusik) LC 0309 Track 1: Theme
Autor: Jesus war kein Seefahrer. Die Bibel spinnt kein Seemannsgarn. Doch es ist bemerkenswert, dass wichtige Geschichten von Jesus auf dem Wasser spielen. Es sind Geschichten auf dem schmalen Grad zwischen Panik auf der einen Seite und Lebenswillen auf der anderen.
Wenn ich am Ufer stehe und zum Horizont schaue, dann ist das Urlaub für die Seele. Aber am Strand steht man eben zumeist sicher. Auf dem Wasser selbst kann sich das schnell ändern. Und mit einem Mal wird das Meer gewaltig und bedrohlich. Auch davon erzählt eine Geschichte aus der Bibel, aus dem Lukasevangelium:
Sprecherin: Und es begab sich an einem der Tage, dass Jesus in ein Boot stieg mit seinen Jüngern; und er sprach zu ihnen: Lasst uns über den See fahren. Und sie stießen vom Land ab. Und als sie fuhren, schlief Jesus ein. Und es kam ein Windwirbel über den See und die Wellen überfielen sie, und sie waren in großer Gefahr. Da traten sie zu ihm und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Da stand er auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legten sich und es entstand eine Stille. Er sprach aber zu ihnen: Wo ist euer Glaube? Sie aber fürchteten sich und verwunderten sich und sprachen zueinander: Wer ist dieser? Auch dem Wind und dem Wasser gebietet er und sie sind ihm gehorsam. (Lukas 8, 22-25)
Autor: Das Meer ist ein Bild für unsere Ängste und Zweifel. Diese kleine Geschichte von der Stillung des Sturmes berührt mich. Und zwar weil sie mich in meinem Glauben berührt. An drei Stellen:
Erstens: Wer sich auf Jesus einlässt, auf Glaube, Hoffnung und Liebe, der bucht keine Urlaubsfahrt. Wer in unserer Welt für Vergebung und Gerechtigkeit eintritt, der stößt auf Gegenwind. Schauen Sie sich um in ihrem persönlichen Umfeld
Wer sich für Schwache einsetzt oder wer am Ende selbst Schwäche zeigt, dem bläst allzu oft der nasskalte Wind unserer Gesellschaft ins Gesicht.
Und mehr noch: Der Gegenwind kann zum Sturm werden. Mit Jesus und seiner Lehre kann es richtig gefährlich werden. Die ersten Christen haben das im römischen Staat erlebt. Sie sind Jahrhunderte verfolgt worden. Das ist Gott sei Dank bei uns nicht der Fall. Aber in anderen Teilen der Welt leider doch und beklemmend aktuell, wenn ich jüngste Meldungen höre von Christen aus Teilen Indiens oder Indonesiens. Menschen, die wegen ihres Glaubens um ihr Leben fürchten müssen, zumindest große Nachteile erleiden. Eine zweite Beobachtung: Jesus ist auf dem Boot, aber er schläft. Die Jünger müssen ihn wecken. Meister, Meister, wir kommen um!, rufen sie. Ein Ruf wie ein SOS! Save our Souls. In diesem Rettungsruf höre ich auch den Vorwurf: Wie kannst Du, Jesus, schlafen, wenn wir in großer Not sind?! Das kenne ich auch. Dieses Gefühl: Gott ist weit weg, zu weit weg. Und vielleicht gehört diese Erfahrung ja zum Glauben mit dazu.
Und eine dritte Beobachtung: Ich darf Gott ansprechen. Ich muss ihn ansprechen. Vielleicht will Gott sogar angerufen werden: Herr, komm zu mir! Ich brauche Dich! Bin ich nicht selbst oft viel zu still und stumm, um Gott um etwas zu bitten. Die Jünger haben es getan. Zumindest dann, als sie merkten, dass sie mit der eigenen Seemannskunst am Ende waren. Vielleicht sollte man nur nicht so lange warten, bis das Boot kielunter ist. Diese Lehre mögen die Jünger damals gezogen haben. Sie haben aber auch die Erfahrung gemacht: Es ist nie zu spät, Gott anzurufen.
Musik: Yann Tiersen: Die fabelhafte Welt der Amelie (Filmmusik) LC 03098 Track 3: La Valse d`Amelie
Autor: Im Leben gibt es viele Stürme. Eine bedrohliche Krankheit, eine Krise am Arbeitsplatz, eine zerbrochene Liebe, der Abschied von einem nahen Menschen. Ich stehe lieber am sicheren Strand und schaue hinaus aufs weite Meer. Aber das Leben lässt einem manchmal keine Wahl. Es ruft einen hinaus auf hohe See. Zumindest für die Zeit der Überfahrt. Denn nur wer die Überfahrt wagt, erreicht auch neues Land.
Orkanfahrt heißt ein Buch. 25 Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten, so der Untertitel. Seeleute berichten darin von ihren schlimmsten Sturmerfahrungen. Die besten Geschichten ist daher sicher nur relativ gemeint. Denn ich vermute, die Seemänner hätten allesamt auf ihre Sturmerfahrungen gerne verzichtet. Da ist die Rede vom Brüllen des Windes, von der so trügerischen Stille mitten im Orkan, von haushohen, mörderischen Wellenwänden in dunkler Nacht. Es sind Geschichten aus größter Not. Doch am Ende machen sie Mut. Denn sie erzählen vom Leben. Wie es gelingt, Stürme abzureiten. Wie es gelingt, unvorstellbare Wellenberge zu überwinden. Und sie machen demütig: Wie klein ist der Menschen im weiten Meer. So sind es am Ende auch fromme Geschichten. Wenn man erfährt, wie erfahrene Seebären schreiben:
Sprecher: Selbst hartgesottene Seeleute können inmitten solcher Naturgewalten die Nerven verlieren. Die Wellen erreichten bereits zehn Meter und mehr. Die See begann zu kochen. Zwischen See und Luft war nun kein Unterschied mehr zu erkennen. Wenn das Schiff unter solchen Bedingungen querschlägt, hilft nur noch ein Gebet. Autor: Not lehrt Beten. Mancher Seefahrer ist auf dem Meer zu einem fromm Mann geworden. Und diese Lebenserfahrung geben uns die Kapitäne nun weiter mit dem Rat: Warte nicht erst auf die Monsterwelle, um dir die wichtigen Fragen des Lebens zu stellen: Was hält dich und was trägt dich im Leben? Wem kannst Du dich anvertrauen, wenn es darauf ankommt? Und wem kannst du eigentlich dankbar sein für dein Leben?
Es gibt viele Seemannslieder, die von dieser Dankbarkeit, von Hoffnung und von Vertrauen singen. Vielleicht tut es gut, gegen den Sturm anzusingen. Seemannslieder sind unverdrossen fröhliche Lieder, trotz aller, vielleicht auch gerade gegen alle Sturm- und Orkanerfahrungen. Nur wenige handeln ausdrücklich von Gott. Aber viele tragen so eine heilige Weisheit in sich. Eine Weisheit, die viel von dem spüren lässt, was uns die Bibel erzählt: Da ist jemand für dich da, in jeder Stunde des Lebens, auch mitten im Sturm:
Musik: Herbert Grönemeyer: Was muss muss (Best of) LC 01387 Track 12: Land unter
Der Wind steht schief Die Luft aus Eis Die Möwen kreischen stur Elemente duellieren sich Du hältst mich auf Kurs Hab keine Angst vor´m Untergehn Gischt schlägt ins Gesicht Kämpf mich durch zum Horizont Denn dort treff ich dich
Geleite mich heim Rauhe Endlosigkeit Bist zu lange fort Mach die Feuer an Damit ich dich finden kann Steig zu mir an Bord
Autor: Steig zu mir an Bord! Genau das haben die Jünger damals Jesus auch gebeten. Und er hat es getan. Die Bibel erzählt die Geschichten vom Wasser, von der Stillung des Sturmes und der Rettung des sinkenden Petrus, auch als Vorbildgeschichten. Wo kann ich anderen Menschen beispringen? Wo sind andere in meinem Umfeld so in Not, dass sie mich brauchen? Wo kann ich anderen Menschen sagen: Du bist nicht allein.
Ich glaube, der Mensch alleine ist den Stürmen des Lebens nicht gewachsen. Darum brauchen wir andere, die uns vor dem Schiffbruch bewahren. Rettungskreuzer, die uns aus den Fluten fischen, Lotsen und Kapitäne, die zu uns an Bord steigen, und helfen, Kurs zu halten. Liebe Menschen, die uns zeigen, wo wir wieder Land sehen können. Ich bin dankbar, dass es Seenotrettungskreuzer gibt und Menschen, die auf ihnen arbeiten. Und ich frage mich: Wo bin ich selbst so seetüchtig, dass ich anderen ein Rettungsanker sein kann? Werfe ich also meinen Radar an, schärfe den Blick und spitze die Ohren, um zu hören, wo Menschen nach mir rufen:
Musik: Herbert Grönemeyer: Was muss muss (Best of) LC 01387 Track 12: Land unter
Übernimm die Wacht Bring mich durch die Nacht Rette mich durch den Sturm Fass mich ganz fest an Dass ich mich halten kann Bring mich zum Ende Lass mich nicht mehr los
Autor: Die Bibel erzählt vom Meer wie von einem Spiegelbild unseres Lebens: unserer Hoffnungen und Sehnsüchte, unserer Gefahren und Bedrohungen. Und sie erinnert mich daran: Gott ist für mich da, auch und gerade in den Stürmen des Lebens.
Ich bin froh, wenn ich nach jeder Schiffstour wieder Boden unter den Füßen spüre. Doch ich weiß auch: Das Leben hält schon die nächste Überfahrt bereit. In diesem Sinne: Schiff Ahoi Gute Fahrt auf Ihrem Ozean! Und lassen sie das Gottvertrauen nicht an Land zurück, nehmen sie es mit an Bord, sagt Ihnen Ihr Joachim Gerhardt von der Evangelischen Kirche in Bonn.
Musik: Paris, Paris (Filmmusik) LC 00268 Track 17: 31 Décembre 1945
Literatur: Stefan Krücken/Achim Multhaupt: Orkanfahrt 25 Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten, (Ankerherz-Verlag), Lüneburg 2007
In den Stürmen des Lebens
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