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Klippdachs
Guten Morgen, liebe Zuhörer, liebe Zuhörerinnen! Wohlgeordnet wie ein übersichtlicher Garten tritt uns die Schöpfung in den Psalmen entgegen.
Psalm 104 bewundert die Landschaften der Erde und wie verschiedenartig die Tiere sind, die sich einen Lebensraum teilen. Gott hat dies alles erschaffen und wunderbar ausbalanciert. In diesem Garten der Schöpfung muss sich nicht der Stärkste durchsetzen, damit er überleben kann. Hier hat alles seinen Platz und Raum genug.
Sprecher: Du lässest Wasser in den Tälern quellen, dass sie zwischen den Bergen dahin fließen, dass alle Tiere des Feldes trinken und das Wild seinen Durst lösche. Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen. Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke. Die Bäume des Herrn stehen voll Saft, die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat. Dort nisten die Vögel, und die Reiher wohnen in den Wipfeln. Die hohen Berge geben dem Steinbock Zuflucht und die Felsklüfte dem Klippdachs.
Die beiden letztgenannten Tiere sind beispielhafte Gegensätze: Der Klippdachs versteckt sich scheu in den Felsklüften, ist kaum zu sehen, wagt sich nicht an die Klippe, um nicht abzustürzen. Er bleibt in seinem Lebensraum immer auf der sicheren Seite. Er ist ein Gemeinschaftswesen und fühlt sich in dieser Gruppe wohl. Ganz anders der Steinbock, der risikoreiche Sprünge wagt, und Klippen überspringt. Oder am äußersten Rand der Klippe kraftvoll zum Stehen kommt. Der Sturz über eine Felsenkante kann mit Geschick und Körperbeherrschung verhindert werden. Er führt das Leben eines Einzelgängers in den Höhen der Berge. Trotzdem teilen Klippdachs und Steinbock sich Felsregionen und leben neben einander. Beide so unterschiedlichen Tiere finden Zuflucht in den Felsklüften der Berge.
Diese Vision der Bibel hat Zukunft: Nicht der Stärkere gewinnt. Es gibt ein Lebensrecht für die Vielfalt. Gott hält einen Lebensraum bereit, der teilbar ist. Der Panoramablick auf die Weite des Lebens schenkt Weitblick: Wir können Abstand gewinnen von einer enthemmten Politik, die nur den Erfolgreichsten eine Zukunft verspricht. Schöpfungsgemäß leben, heißt miteinander zurechtkommen: Lebensbereiche teilen, sie nicht für weniger Erfolgreiche oder Zurückhaltende sperren. Im Überblick über die ganze Schöpfung gewinnen wir die Chance, das Ganze zu sehen: Wir sind nur ein Teil. Auch jeder andere Teil braucht seinen Platz: Wer sich zu breit macht, gefährdet das Ganze. Wie Klippdachs und Steinbock ihren Lebensraum teilen, kann auch als Bild für die Vielfalt in unseren Gemeinden sein.
Im ländlichen Raum zeigt sich, dass trotz aller Struktur Veränderungen Kirchen ein Ort der Zuflucht bleiben: Für Menschen, die für das beginnende Leben Gott danken und die Taufe ihrer Kinder feiern, wie für Sterbende und ihre Familien, die sich verabschieden müssen und Räume des Abschieds brauchen. Von erwachsen werdenden Jugendlichen, die ihre Selbständigkeit schon mal in der Kirche erproben bis zu den älter gewordenen Frauenhilfen, die schon seit Jahren die Gemeinden bereichern. So könnten die christlichen Gemeinden entscheidend dazu beitragen, dass die Vision der Bibel vom geteilten und teilbaren Lebensraum in unserer Gesellschaft Wirklichkeit werden kann.
Klippdachs
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