|
Aus meines Herzens Grunde (eg 443)
Autorin:Guten Morgen, liebe Hörer und Hörerinnen, das menschliche Herz ist ein eigentümliches Organ: Ein etwa faustgroßes Hohlorgan, das nicht ruht, weder Tag noch Nacht.
Unermüdlich sorgt es dafür, dass alle Fasern unseres Körpers mit frischem Blut versorgt werden. Aus meines Herzens Grunde... heißt eines der beliebtesten Kirchenlieder aus dem 16. Jahrhundert. In diesem Lied spricht jemand von Dingen, die so wichtig, so unverzichtbar sind wie der Pulsschlag unseres Herzens.
Choral (1): Aus meines Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank / in dieser Morgenstunde, dazu mein Leben lang / dir, Gott, in deinem Thron / zu Lob und Preis und Ehren / durch Christus, unsern Herren / dein' eingebornen Sohn.
Autorin: Ein Morgenlied, ein Loblied. Wir wäre es: Morgens direkt nach dem Aufwachen den Anfang dieses Liedes zu summen oder wenigstens dessen Worte zu sprechen: Aus meines Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank / in dieser Morgenstunde, dazu mein Leben lang.
Würde das den Lauf des Tages beeinflussen? Würde das meine Stimmung verändern? Morgens nicht als erstes daran zu denken, ob es wohl regnet, stürmt oder schneit. Nicht als erstes dem nachzugehen, was mir auf dem Herzen liegt, sondern was mir Herzensfreude bringt.
Erst mal Gott dafür zu danken, dass ich bin. Dass mir ein neuer Tag geschenkt ist. Der Dichter Rainer Maria Rilke hat es einmal so auf den Punkt gebracht: Hiersein ist herrlich.
Choral (2+3): Dass du mich hast aus Gnaden / in der vergangnen Nacht / vor Gefahr und allem Schaden / behütet und bewacht / demütig bitt ich dich / wollst mir mein Sünd vergeben / womit in diesem Leben / ich habe erzürnet dich. Du wollest auch behüten / mich gnädig diesen Tag / vors Teufels List und Wüten / vor Sünden und vor Schmach / vor Feur und Wassernot / vor Armut und vor Schanden / vor Ketten und vor Banden / vor bösem, schnellen Tod.
Autorin: Georg Niege, der Dichter des Liedes, hat wie alle Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts viel Leid erlebt. Im Jahr der Bauernkriege 1525 wurde er in Allendorf, in der Nähe von Kassel, geboren. Gestorben ist er 1589 im westfälischen Rinteln, vermutlich an der Pest, die in diesem Jahr durch Ostwestfalen zog.
Als Kind war Georg Niege ein begnadeter Sänger. Mit seiner hellen, hohen Stimme erfreute er nicht nur seine Eltern, sondern auch das Publikum am Hof in Kassel, wo er als Sängerknabe in der Hofkapelle auftrat. Sein späteres Leben verlief weniger beschaulich. Das Studium brach er ab, um im kaiserlichen Heer als Soldat zu dienen. Im Schmalkaldischen Krieg kämpfe er für die Seite Martin Luthers. Trotz mancher militärischer Ehren - richtig heimisch wurde er dort nie. Und auch im bürgerlichen Leben konnte er nur schwer Fuß fassen: Er arbeitete als Gerichtsschreiber, Sekretär und Zolleinnehmer. 1567 kam er schließlich nach Ostwestfalen. In Minden, Lage und Herford verdingte er sich als Buchhalter und Gutsverwalter, bis er sich zwei Jahre vor seinem Tod - ganz ins Private zurückzog.
Choral (4):Mein Leib und meine Seele / Gemahl, Gut, Ehr und Kind / in dein Händ ich befehle / und die mir nahe sind / als dein Geschenk und Gab / mein Eltern und Verwandten / mein Freunde und Bekannten / und alles, was ich hab.
Autorin: Aus meines Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank - Als dieses Lied entsteht, blickt Georg Niege schon auf ein langes bewegtes Leben zurück. Krieg, Armutswellen, Krankheit und Tod haben auch vor seiner Familie nicht Halt gemacht. Am schlimmsten dürfte der Tod seiner einzigen Tochter gewesen sein, die mit knapp 30 Jahren schon starb. Dass wir Menschen manches, was uns lieb ist, im Laufe unseres Lebens loslassen müssen, hat Georg Niege erlebt.
Aber er ist daran nicht zerbrochen, darüber nicht hart und stumm geworden. Er hat seine Lebensmelodie darüber nicht verloren. Diese Lebensmelodie - geprägt von Lob und Dank.
Musik: Instrumentalversion Harfe
Ist das nun naiv oder eher bewundernswert? Ist das nicht nur ein Rezept für Fromme, für Fromme vergangener Zeiten? Ich glaube das nicht. Das Loben, das Staunen ist bis heute eine der wichtigsten Lebenskünste, Glaubenskünste. Kaum jemand hat das so deutlich formuliert, wie die evangelische Theologin und Mystikerin Dorothee Sölle. Am Abend vor ihrem Tod hat sie einen Vortrag gehalten: Über das Glück. Darin beschreibt sie einen Dreiklang. Drei Haltungen, die für mystische Menschen, für gläubige Menschen zusammen gehören. Das Erste ist: Das Lob, das Staunen, das Sich-Verwundern über Gottes Güte.
Sprecherin: (Zitat D. Sölle, S.17): Das können wir erleben in jedem Funken Schönheit, von Liebe, von Nähe, von den vielen Wundern, von denen wir umgeben sind. Staunen oder Verwunderung ist eine Art, Gott zu loben, übrigens auch dann, wenn sein Name gar nicht genannt wird. Im Staunen schließen wir uns den Himmeln an, die des Ewigen Ehre rühmen.
Das Zweite folgt daraus. Menschen, die empfindsam sind für Gottes Güte, die sehen auch, wo Unrecht zum Himmel schreit. Die fühlen mit anderen mit. Die spüren den Schmerz dieser Welt am eigenen Leib. Diese Haltung nennt Dorothee Sölle das Vermissen. Das Vermissen von Gott, Liebe, Gerechtigkeit und Frieden. Beides zusammen nun führt uns zum Dritten: Das Staunen über Gottes Güte, das Vermissen von Liebe und Gerechtigkeit motiviert uns dazu, diese Welt im Sinne Gottes mitzugestalten.
Sprecherin: (Zitat D. Sölle, S. 20): Gott zu loben und nichts so sehr wie Gott zu vermissen, führt zu einem In-Gott-Leben. In Gott zu leben bedeutet, sich an der weitergehenden Schöpfung zu beteiligen.
Choral (5): Darauf so sprech ich Amen / uns zweifle nicht daran / Gott wird es alls zusammen / in Gnaden sehen an / und streck nun aus mein Hand / greif an das Werk mit Freuden / dazu mich Gott beschieden / in meim Beruf und Stand.
Autorin: Aus meines Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank - Mit diesen Worten schenkt Georg Niege uns einen Choral, mit dem wir das Loben lernen können. Mit dem wir unseren Alltag frohgemut gestalten können. Sicher ist er deshalb bei Protestanten und Katholiken gleichermaßen so bekannt und beliebt. Wie der Pulsschlag unseres Herzens das Leben erst möglich macht, so öffnet das Lob Gottes die Tore für Freude, Dank und Mitgefühl. Mit diesem Schwung gehen wir anders durch den Tag. Mit diesem Schwung gestalten wir die Welt.
Harfenmusik
Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen über den Choral Aus meines Herzens Grunde - Evangelisches Gesangbuch Nummer 443. Sie hörten das Wilhelmshavener Vokalensemble unter der Leitung von Ralf Popken.
Aus meines Herzens Grunde (eg 443)
|