Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.03.09, Pfarrerin Viktoria Keil

Brötchen teilen

Guten Morgen, liebe Zuhörer, liebe Zuhörerinnen!Wie leicht es sein kann zu teilen, habe ich bei Kindern gesehen: Zwei kleine Jungs spielen auf der Krabbeldecke.

Der eine hat ein Brötchen ergattert und der andere guckt hungrig. Eine konfliktreiche Situation, könnte man meinen. Die Mutter nimmt das Brötchen, bricht es in der Mitte durch und gibt die beiden  Hälften an den Besitzer des Brötchens zurück - wortlos. Der hat jetzt in jeder Hand eine Brötchenhälfte. Er schaut auf seine Hände, schaut seinen Spielnachbarn an und reicht dem eine Hälfte rüber und die beiden mümmeln zufrieden ihre Brötchenhälften. Ich will diese kleine Begebenheit jetzt nicht überbewerten und eine große Geschichte daraus machen. Aber verblüfft hat mich das schon. Ein Kind gibt spontan und ohne Worte von dem, was es hat, dem der nichts hat. So einfach und wirkungsvoll kann also teilen sein. Die Bibel sagt das so:

Sprecher: Lass den Hungrigen dein Herz finden.
Brich mit dem Hungrigen dein Brot…Dann wird dein Licht aufgehen wie die Morgenröte.
Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
Das wirklich gute Leben breitet sich aus, wo geteilt wird.

Die lebensfeindliche Wüste wird zurück gedrängt und alles Lebendige kann sich entfalten: Im bewässerten Garten ist alles da: wilde Farben, vitaminreiche Nahrung und wärmende Sonne. Das Leben pflanzt sich fort. Samen finden fruchtbaren Boden und zusammen mit gutem Wasser bringen sie neues Leben hervor. In der Bibel sind bewässerte und sorgsam gepflegte Gärten Zeichen einer Gemeinschaft, die gelingt. Die Bibel kann allerdings auch viele Geschichten davon erzählen, wie sich Wüsten immer mehr ausbreiten. Der alttestamentliche Prophet Jesaja, der das Bild vom bewässerten Garten geprägt hat, spricht da eine deutliche Sprache: Blühende Landschaften werden sich nicht einstellen, wo Bedrückte weiter unterdrückt werden, und Ungerechtigkeit nicht abgewendet wird. Wer seinen Kopf hängen lässt und Notleidende nicht sehen will, trocknet das Leben aus und verwüstet das Miteinander. Wer entmutigt denkt, es ist ja doch nicht genug für alle da, wird immer unfähiger zu teilen. Wer so lebt, verkrümmt und kann schließlich nur noch den eigenen Bauch sehen.

Jesaja hält allen, die entmutigt sind,  einen Spiegel vor: Seht euch an! Ihr lasst den Kopf hängen und quält euch selbst. Und weil ihr den Kopf hängen lasst, seht ihr gar nicht, dass da jemand neben euch ist, der euch braucht. So unterdrückt ihr den Menschen an eurer Seite, ihr knechtet sie, seid rücksichtslos und apathisch. Und dann schiebt sich bei Jesaja ein anderes Bild vor den Spiegel – ein kühner Gegenentwurf des Menschen. Die Stimme wird auffordernd und verheißungsvoll.

Sie spricht vom Menschen wie er sein soll, und sein kann: barmherzig, einfühlsam, um Gerechtigkeit bemüht, leidenschaftlich und schön. Das eröffnet eine andere Blickrichtung. Konzentrier dich bei deinem Tun nicht auf dich, nicht einmal auf Gott, sondern richte deinen Blick auf den leidenden Menschen neben dir, lass dich berühren von seiner Not.

Die beiden Jungs mit Brötchen auf der Krabbeldecke haben uns einiges voraus. Ich weiß, die Welt ist keine Krabbeldecke und es geht nicht um die Verteilung eines einzigen übersichtlichen Brötchens. Aber ein Hinweis und ein Zeichen ist es doch: Nimm den Kopf hoch und erkenne, wer dich braucht– das ist der erste Schritt zum Teilen.

Audiobeitrag Brötchen teilen


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