Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.03.09, Pfarrerin Viktoria Keil

Nelson Mandela

Guten Morgen, liebe Zuhörer, liebe Zuhörerinnen! Das Leben beginnt mit dem Tag, an dem man einen Garten anlegt.

Diese Lebenserfahrung beschreibt Nelson Mandela: 27 Jahre verbringt er in Haft, bevor er entlassen zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrika gewählt wird und damit das Apartheitregime endgültig beseitigt. Davor aber 27 Jahre Haft .Die meiste Zeit davon auf Robben Irland, dem Hochsicherheitsgefängnis für farbige Gegner des weißen Apartheitregimes in Kapstadt. Als der junge Nelson Mandela ins Gefängnis eingeliefert wird, wird dort mit den Worten empfangen: Du kannst 100 Doktortitel haben, hier bist du eine Nummer, du bist nichts.

Wenn man im Gefängnis überleben will, muss man Wege finden, um sich im täglichen Leben Zufriedenheit zu verschaffen, schreibt Mandela rückblickend in seiner Lebensgeschichte. Er liest die Bibel. Eine Geschichte wird sein Halt. Gott setzt die Menschen in einen Garten, damit sie ihn pflegen und schützen. (1.Mose 2,15) Mandela will nun im Gefängnis selbst einen Garten anlegen:

Nach etlichen Jahren erhält er endlich die Genehmigung. Er, beginnt einen schmalen Erdstreifen an der Mauer des Isolierblocks urbar zu machen. Tagsüber arbeitet er im Steinbruch, in der Freizeit buddelt er im Gefängnishof. Nelson Mandela erntet im Garten des Gefängnishofes über die Jahre ungefähr 2000 Paprikaschoten, 1000 Tomaten, ungezählte Zwiebeln, Kopfsalate, Rettiche, Honig- und Wassermelonen. In diesem Garten gewinnt Mandela seine innere Freiheit zurück. Und die Kraft, durchzuhalten und sich nicht beugen zu lassen.

Es gibt Orte, an denen wir intensiv erleben, dass sie uns am Leben halten. Es gibt Orte, in denen wir verwurzelt sind und aus denen wir Kraft, Zuversicht und Trost schöpfen. Auch dann, wenn uns unsere Lebensumstände zusammendrücken. Es kann ein Garten sein, der uns zeigt, welche Lebensmöglichkeiten uns umgeben. Unter dem freien Himmel lassen wir uns den frischen Wind um die Nase wehen. Das Beobachten von Licht und Farbe, die Wahrnehmung der Jahreszeiten erinnert uns an diesen Raum der Freiheit. Auf Robben Irland wird der Garten im Gefängnishof zur Oase der Freiheit und der Farben, weil sie Vögel, Insekten und Schmetterlinge anlockt, sogar ein Chamäleon, das zur Freude aller Gefangenen in dem winzigen Garten 6 Junge zur Welt bringt.

Seine gärtnerische Tätigkeit gibt Nelson Mandela Kraft für den Weg in die äußere Freiheit. Auf internationalen Druck beginnen die Verhandlungen mit dem damaligen südafrikanischen Präsidenten Botha. Mandela wird trotz der erzwungenen Abgeschiedenheit zum Sprecher der Reformbewegung. Im seinem Garten gewinnt er die Stärke, in zähen Verhandlungen der südafrikanischen Regierung unter anderem die Freilassung aller politischen Gefangenen und das Wahlrecht für alle zu fordern.

Du übergibst mich nicht in die Hände des Feindes, du stellst meine Füße auf weiten Raum, so heißt es in einem Psalm. Ob wir der Betonwelt entfliehen und in einem Park die Märzenbecher suchen  oder mit einer Primel auf dem Küchentisch gegen den Großstadtqualm anstinken. Mag der Garten noch so klein sein, er ist ein Abglanz und eine Erinnerung an den biblischen Garten Eden und an Gottes Nähe. Und sie ist es, die uns hilft, mit den Widrigkeiten unseres Lebens fertig zu werden.

Literaturangabe: Renate Hücking/Kej Hilscher, Oasen der Sehnsucht – Von Gärten im Verborgenen. München 2004

Audiobeitrag Nelson Mandela


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