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Wohin geht´s?
Da stand ich letzten Montagmorgen in der Schlange am Karten- und Auskunftsschalter der Deutschen Bahn: Den Wagen in der Werkstatt, ein wenig unsicher und unter Zeitdruck.
Man rückte langsam vor, und als mich nur noch der Tresen von dem Beamten trennte, fragte mich dieser: Wohin geht´s?
Das wüsste ich auch gerne! kam mir in den Kopf. Wer weiß das schon heutzutage? Die Politiker jedenfalls nicht und unsere Industriekapitäne offenbar auch nicht. Wissen Sie´s? wollte ich schon zurückfragen. Aber die nervöse Schlange hinter mir drohte, mich zu fressen, wenn ich ihre Zeit weiter beanspruchte.
Die Zukunft erwacht in Erinnerung
, schrieb der israelische Schriftsteller Elazar Benyoetz. Manchmal macht es Sinn, einen Moment anzuhalten im Alltag.
WOHIN GEHT´S? Die zweitälteste Frage der Menschheitsgeschichte ausgerechnet am Auskunftsschalter. Erinnern wir uns: Da lebte man viele Jahre im Paradies, glücklich und zufrieden. Man hatte herausgefunden, wie Wein gekeltert, Hopfen angebaut und Käse gewonnen wird. Die Götterspeise war bereits erfunden. Man lebte komfortabel und konnte Gott zum Essen einladen - ein rundum sattes Leben.
Das Einzige, was die paradiesische Situation trübte, war ein Verbot: Von den Früchten eines Baumes dürft Ihr nicht essen! forderte Gott.
Jetzt ist das so eine Sache mit der Beschränkung und der Verantwortung. Die neuerliche Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt gerade, dass man da nicht drauf bauen kann, wenn die Früchte hoch hängen. Schon damals klappte das nicht. Es führte zu der ersten und ältesten Frage der Menschheit, quasi zur Sohle unserer kulturellen Evolution: WARUM EIGENTLICH NICHT?
Und was passierte? Die Geschichte kennen Sie: Die erste Frage wurde einfach falsch beantwortet. Und plötzlich fand man sich draußen wieder außerhalb des Paradieses. Man stand da, ein wenig benommen, verunsichert, draußen vor der Tür. Es folgte, Sie ahnen es, die besagte zweite große Frage der Evolutionsgeschichte:
WOHIN GEHT`S? Nach rechts? Nach links? Oder bleiben wir besser, wo wir sind? Wenigstens noch in der Nähe des Paradieses. Denn die Prognose ist: Es wird in jedem Fall hart.
Alles schwingt da mit bei der uralten Frage: Das WOHER? angesichts des verlorenen Paradieses. Das WER BIN ICH? nach all dem, was passiert ist. Die Erinnerung an Gott. Ach Gott!
Das WOHIN ist die Frage nach dem, was Sinn macht! Uralt ist sie, und immer noch hat sie Hochkonjunktur. Denn sie umfasst alle Lebensbereiche: Beruflich, privat, die Wirtschaft und die Politik. Alles steht unter der Frage nach einer sinnvollen Orientierung. Wohin mag es z.B. politisch im Superwahljahr - nach Rezession, globalisierter Ahnungslosigkeit und Heuchelei gehen? Geht es eher nach rechts oder links? Oder bleibt doch alles beim Alten?
Eine einfache Beantwortung der Frage gab es nie. Allerdings: Wie wir mit ihr umgehen, verrät manchmal, was uns letztlich antreibt: Angst oder Vertrauen. Am Ende der biblischen Urgeschichte, wo die uralten und grundlegenden Fragen aufgeworfen werden, bricht der gemeinsame Vater der Juden, Christen und Muslime Abraham von zu Hause auf. Er lässt alles hinter sich und vertraut Gott, als der ihm sagt: Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde!
Wohin wollen Sie? wiederholt genervt der Beamte hinter dem Kartenschalter seine Frage. Ich muss noch mal nachdenken, sage ich und trete aus der Schlange.
Wohin geht´s?
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