Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.03.09, Pfarrer Gerd Höft

Das Leben gewinnt. Immer

Sprecherin: Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte, Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon,…

Autor: Ja ich weiß. Irgendwie bin ich zu früh. Erst in drei Wochen ist der da, der Frühling. Kalendermäßig. Andererseits beginnt er auch doch schon heute. Die Weltvereinigung der Meteorologen hat sich auf den 1. März als Frühlingsbeginn festgelegt. Gut, das hat statistische Gründe; ist eben  leichter zu handhaben so ein Datum als der 21. März. Aber egal: ich will heute auch theologisch den Frühling einläuten und es ist mir dabei egal, welches Wetter gerade herrscht. Ich bin so frei - und ich bin Gerd Höft, Pfarrer aus Düsseldorf. Also noch einmal von vorne:

Sprecherin: Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,……
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Musik: Antonio Vivaldi, Die Vier Jahreszeiten – Der Frühling

Autor: Es gibt ja viele Gründe, sich über den Frühling zu freuen und kaum eine andere Jahreszeit wird so herbeigesehnt und ist mit so vielen Wünschen und Sehnsüchten befrachtet. Ist ja auch verständlich. Allein biologisch gesehen. Die zunehmende Helligkeit setzt eine Reihe schöner Prozesse im Körper frei. Das Ergebnis ist eine steigende Freude an Liebe, Lust und Leidenschaft. Alles Gefühle, die so richtig gut tun. Energien werden freigesetzt, wir werden aktiver, munterer -  kurz und gut: Das Leben ist schön, meistens wenigstens und die berühmten Frühlingsgefühle bestätigen das auch; auch die Frühlingsgedichte, die es ohne Zahl gibt. Ich bin mir sicher, auch die Liebesgedichte der Bibel, das so genannte Hohelied, sind im Frühling entstanden und spielen im Frühling.

Sprecher: Siehe, der Winter ist vergangen. Steh auf meine Freundin und komm; zeige mir deine Gestalt und lass mich hören deine Stimme.

Sprecherin: Siehe mein Freund, du bist schön. Wie ein Apfelbaum unter wilden Bäumen ist mein Freund. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich. Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes; denn seine Liebe ist köstlicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich, darum lieben dich die Mädchen. Sag mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhst am Mittag, damit ich nicht herumlaufen muss.

Sprecher: Meine Freundin, du bist schön.  Wie schön ist dein Gang. Die Rundung deiner Hüfte ist wie ein Halsgeschmeide, das des Meisters Hand gemacht hat. Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter Lilien weiden. Du hast mir das Herz genommen mit einem einzigen Blick deiner Augen.

Autor: Frühlingsgefühle. Ganz biblisch. Über 2000 Jahre alt und kein bisschen angestaubt. Genug davon. Aber man sieht, was die hellere Jahreszeit alles anstellt. Sie hat schon dieses gewisse Etwas, das das Herz schneller schlagen lässt. Das die Augen blank putzt und kribbeln durch den Körper jagt. Und außer Gefühlen wird ja auch einiges geboten. Die bunten Blumen sind wieder da; das Gras wandelt sich von braun zu grün. Auch die eine oder andere Knospe wagt sich schon vor. Und wenn auch noch nicht alle Vögel da sind, die, die da sind, machen sich schon ordentlich bemerkbar. Aber alles noch am Anfang, keimend sozusagen, noch nicht ganz da. Ein Wissen, das noch Ahnung ist. Eine Sicherheit, die allem einen Sinn gibt: die Bühne ist bereitet, von Tag zu Tag anregender geschmückt, bis sich unabweisbar die Erkenntnis Bahn bricht: das Leben gewinnt. Immer und unter allen Umständen. Darum ist alles geschaffen, was geschaffen ist. Darum herum ist alles gruppiert, darin alles gebündelt: Das Leben gewinnt. Immer. Der Tod geht vorüber, die Hinfälligkeit und was wir sterben nennen. Wie der Herbst  und der Winter vorübergehen und eigentlich nur da sind, um umso schöner die Geburt von Licht und Leben zu feiern. Und schon sind wir vom Meteorologischen hineingeraten ins Religiöse. Auch christlich betrachtet ist der Frühling eine theologisch aufgeladene Zeit.

Musik: Antonio Vivaldi: Flötenkonzert F-Dur op. 10 Nr.1 RV 433
„La Tempesta di Mare“
Aus: CD „Zeit für Entspannung. Vivaldi“

Autor:
Du lieber Himmel, der Frühling! Zu viel Gefühl, zu viel Leidenschaft, mögen Sie einwenden. Denn das kann ja auch beängstigend oder wenigstens beunruhigend sein. Auf jeden Fall nicht vernünftig. Aber was ist am Frühlingsmonat schon vernünftig. Zum Beispiel auch das: kirchlicherseits stehen wir Mitten in der Fastenzeit. Wenn um uns herum das neue Leben mit Macht aufbricht, wenn sich alle Energien wie nach einem langen, tiefen Schlaf nach außen wenden, zieht sich der Christ in sich zurück, prüft, korrigiert, beschneidet; steigt tief hinab in die Untiefen seiner Seele und forscht nach Seelenmüll und Gedankenmüll. Und wartet geduldig und unverzagt auf Ostern, wo er -ein wenig ungleichzeitig mit der Natur- seine Lebenshoffnung feiert. Untrennbar verbunden mit der Auferstehung Jesu. Die ihm sagt: auch du wirst auferstehen, wenn deine Zeit gekommen ist. Aber auch jetzt sollst du schon lebendig sein. Denn Leben ist jetzt. Das ist die christliche Frühlingsbotschaft. Allerdings: Leicht gesagt; wie man halt so etwas dahinsagt im Überschwang. Oder die eigene Seele aufmuntert, wie im 103. Psalm zu lesen ist:

Sprecherin: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünden vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen  Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Musik: Daysie’s Ballett Carrier; CD Take 4 - 

Autor: Nun erst einmal wieder langsam auf den Boden. Auch im Frühjahr ist mein Mund nicht immer fröhlich und jung wie ein Adler werd ich auch nicht mehr. Diese Jahreszeit, die soviel Neues verheißt und munter macht, ist zwar wunderbar, aber kein Wunder. Das alte Leben, die alten Bedingungen verschwinden ja nicht  einfach. Nichts löst sich rückstandslos auf. Da bleibt ein Rest. Ein Hinweis, ein Fingerzeig: wir leben in einer unerlösten Welt. Das wusste auch schon der Apostel Paulus:

Sprecher: Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf. Die Schöpfung ist unterworfen der Vergänglichkeit, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, seufzen und sehnen uns nach Erlösung.

Autor: Das ist starker Tobak. Im Guten wie im Schlechten. Denn einmal heißt das: egal an welchem Punkt unseres Lebenslaufes wir uns befinden – ohne Leiden werden wir nicht durchkommen. Und unser Hauptleiden ist und wird immer sein unsere Vergänglichkeit. Egal wie viele Frühlinge wir erleben, egal wie viele Frühlingsmonate sich in unserem Leben sammeln; einmal werden die anderen den Frühling begrüßen und ich werde nicht mehr dabei sein. Das ist das Zeichen der unerlösten Welt: irgendwann, früher oder später werden wir aus dem unaufhörlichen Kreislauf des Lebens hinauskatapultiert. Und kein Frühlingsgefühl wird stark genug sein, uns im Leben zu halten. Das mag man bedauern; aber klug und weise wie die Bibel nun mal ist, schreibt sie uns ins Stammbuch:

Sprecherin:. Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Autor: Und an anderer Stelle:

Sprecherin: Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss. Und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.

Autor: Und noch etwas weiß die Bibel: Die Erkenntnis über unsere Vergänglichkeit haben wir alle und doch verdrängen wir sie ganz gerne; mit all den unangenehmen Folgen die ein Verdrängen halt so mit sich bringt. Deshalb wenden wir uns an Gott, damit der uns hilft zu erkennen, was wir selber wissen müssten.

Musik: La Valse des Bebes; CD Take 2 -

Autor: Unser Glaube, also der christliche, ist ein Hoffnungsglaube, also auch nichts für hoffnungslose Fälle. Er bringt Wärme in eine kalte Welt, Buntheit in unser Alltagsgrau und Licht in unsere Finsternis. Unser Gewährsmann in Sachen Glauben, Jesus aus Nazareth, steht dafür: Wenn er Kinder, die damals nichts zu sagen hatten, in die Arme nimmt und sie wertschätzt, wenn er eine Frau, die manche für eine Nutte hielten, in Schutz nimmt und sich von ihr salben, d.h. ehren lässt, wenn er eine andere vorm Steinigungstod rettet - dann geht von ihm ein Wärmestrom aus, der nichts und niemanden kalt bleiben lässt. Wenn er mit moralisch anrüchigen Personen lecker essen geht oder bei einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt - dann kann ich etwas von der Buntheit des Lebens sehen. Wenn er tote Kinder ins Leben ruft und den Eltern wiedergibt, wenn er andere von quälenden Krankheiten befreit oder gar ihre verwundeten Seelen heilt und sie wieder von vorne anfangen können - dann ist plötzlich ein Licht in der Finsternis, das durch nichts und von niemandem mehr ausgelöscht werden kann. Nicht umsonst sagt ja auch Jesus von sich selbst: ich bin das Licht der Welt und wir feiern sein Kommen in die Welt in der Nacht, in der die Sonne ihren Siegeszug durch das Sommerhalbjahr beginnt. Und so verweben sich also aufs Schönste meteorologische Tatbestände mit christlichen Glaubenswahrheiten. Und keine Jahreszeit führt uns das so deutlich vor Augen wie der Frühling.

Musik: Antonio Vivaldi: Die Vier Jahreszeiten. Der Frühling

Autor: 1. März, der Frühlingsmonat startet durch. Der richtige Augenblick, sich mit den jahreszeitlichen Gegebenheiten auch der christlichen Wahrheit zu vergewissern: Das Leben gewinnt. Immer. Und ich bin davon nicht ausgenommen. Daran glaubt felsenfest ihr Gerd Höft aus Düsseldorf.

Musik: Antonio Vivaldi: Die Vier Jahreszeiten. Der Frühling. 

Audiobeitrag Das Leben gewinnt. Immer


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