Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.02.09, Pastor Wolfram Krebs

Dr. Dr. Schmidt

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Es ist wohl ein menschliches Grundbedürfnis, das eigene Aussehen kunstvoll zu verfeinern.

Ein Lidstrich hier, stützende Unterbekleidung dort: Schon in altägyptischen Gräbern fand man falsche Zähne und Perücken und allerlei Schmückendes mehr. Und inzwischen ist dieser Trend auch in der Männerwelt angekommen. Dagegen ist gar nichts zu sagen und ich gestehe gerne, dass ich viel lieber duftige Wässerchen rieche, als allzu Naturbelassenes.

Etwas anderes ist es allerdings schon, wenn jemand nicht nur sein Äußeres verschönernd bearbeitet, sondern gleich seine ganze Biographie. Vor einem Gottesdienst sprach mich ein Mann an, der sich mir als Dr. Dr. Schmidt vorstellte. Er habe eine gehobene Anstellung in einer Kölner Großklinik gefunden und sei nun in einer Notlage, denn seine neue Eigentumswohnung stehe unter Wasser. Seine neue Sekretärin war wohl am Wochenende nicht in der Lage, ihm ein Hotelzimmer zu besorgen. Dazu erwähnte er noch allerlei Bedeutsames und auch Traurig – Schicksalhaftes mehr.

Da vor und nach unseren Gottesdiensten immer sehr viel Gewühle herrscht, hatte ich Herrn Dr. Dr. Schmidt aus den Augen verloren, hörte aber bald, dass er bei einer Familie aus unserer Gemeinde Unterschlupf gefunden hatte. Die nahmen ihn gleich mit zu einer Geburtstagsfeier und in einen Hausbibelkreis. Da bedankte er sich mit allerlei medizinischen Ratschlägen und fühlte sich offensichtlich recht wohl. 2 Tage später verschwand er spurlos, nicht ohne die bescheidenen Ersparnisse der Kinder des Hauses mitzunehmen, die ihm freundlich ihr Zimmer überlassen hatten.

Da dieser Herr auch sonst mit dieser Masche reiste, erhielten wir die nächste Nachricht von ihm von der Staatsanwaltschaft. Im Prozess wurde dann klar, dass er einmal Krankenpfleger gewesen war. Und der psychologische Gutachter wies darauf hin, dass seine immer sehr bescheidenen Diebstähle eher Akte der Selbstbestrafung waren, als der Bereicherung.

Ich hab lange über den Mann nachgedacht. Nicht über seine tolle Geschichte, davon hört man als Pastor allerlei. Ich schau bei so etwas immer auf die Schuhe, die vergessen Hochstapler meist ihren wundersamen Geschichten anzupassen. Was treibt einen Menschen dazu, sich mit einem erfundenen Leben auszustatten? Und wie wird sich unser Dr. Dr. Schmidt wohl gefühlt haben, als er so freundlich und vertrauensvoll aufgenommen wurde?

Natürlich kann man hier den Psychiater herbeirufen, aber das Gefühl des eigenen Unwertes kenne ich auch als geistliches Problem. Wie kann ich es wagen, mit meiner verwüsteten Biographie vor Gott zu erscheinen? Der, der in die Tiefen meines Lebens sieht und auch die finsteren Keller kennt, in dem die Wölfe heulen, wie soll der mich denn lieben und annehmen können? Vor allem auch dann, wenn ich mich selbst nicht lieben kann?

Die Kernbotschaft des Neuen Testamentes, dass Gott mich so annimmt, wie ich bin und sogar liebt, die ist schwer zu glauben. Zumal sie dem religiösen Drang entgegensteht, sich selbst erst einmal durch allerlei Taten und Unterlassungen für Gott würdig zu machen. Das gehört für mich zu den größten Geheimnissen des christlichen Glaubens: Da ist ein Vater im Himmel, der mich lieb hat, obwohl er mich kennt, der mich so als sein Kind annimmt, wie ich bin und der selbst alles das getan hat, was mein Leben heil und wertvoll macht. Das glauben zu können und sich dem anzuvertrauen, kann ein Leben grundlegend verwandeln. Das Neue Testament ist voll von Beispielen dafür. Das macht mir Hoffnung, für mich selbst und für unseren Dr. Dr. Schmidt.

Audiobeitrag Dr. Dr. Schmidt


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